Jesus Maria.
Was für ein Buch...
Ich würde mich als "Horror Connoisseur" bezeichnen, allerdings wohl eher aus der Clive Barker Ecke, wo menschliche Abgründe mit phantastischen Elementen (fremde Welt, Unsterblichkeit etc.) kombiniert werden. Bei diesem Buch habe ich eine Art Krimi-Thriller erwartet und bewusst nichts über den Inhalt gelesen. "Schleichender Horror", hiess es.
Das Buch ist zwar absolut horrormässig zu lesen, ich verstehe allerdings nicht, warum darauf so rumgeritten wird und man grad einen Stephen King zitieren muss. Meiner Meinung nach tut dies dem Buch nicht gut, denn ist ist ein reinrassiges, überaus brutales, menschenentwürdigendes Drama. Vermutlich kleben überall die Horroretiketten, weil Jack Ketchum (Pseudonym) ansonsten effektiv Horrorbücher geschrieben hat. (OFF SEASON: Kannibalen fallen über eine Stadt her, ausserhalb der Feriensaison etc.). Hier wird nun aber eine WAHRE GESCHICHTE erzählt. Und somit wird das ganze zum wahrhaftigen Alptraum. Ungefähr in der Mitte des Buches musste ich mir effektiv regelmässig, fast schon chronisch einreden, hier eine fiktive Geschichte zu lesen, die allerdings so passieren könnte. Und was vernehme ich dann...? Sie IST so passiert.
EVIL empfand ich erstmals als Titel unglaublich schlecht gewählt. Englisch heisst das Buch "THE GIRL NEXT DOOR". Das Buch handelt davon, wie Erwachsene Regeln aufstellen können, die von unerfahrenen Kindern aus "gutem Hause", die nicht sonderlich leiden mussten und sich deswegen nicht in das Leid anderer versetzen können, bedenkenlos übernommen und weiter gepflegt werden. Sie werden zu Sadisten, egoistischen Sadisten, die zum Zeitvertreib Schnecken verbrennen, Würmer zwischen Ameisen schmeissen um genüsslich den schmerzhaften Windungen des Tieres während des Todeskampfes zuzuschauen.
Das Buch kommt meines Erachtens ungefähr aus derselben Ecke wie cineastische Schocker à la "IRREVERSIBLE". Erstmals sind die Bilder und Beschreibungen dermassen menschenverachtend, dass man ernsthaft am Verstand des Regisseurs/Schriftstellers zweifelt, jedoch wird das Thema dermassen tief ausgeleuchtet, dass nicht die blosse Faszination am Horror an für sich an der Frontseite hängen bleibt. Das Thema, die Geschichte, die Hergänge, alles wird für den blutgeilen Horristen zu détailiert, zu menschlich dargestellt. EVIL ist ein Drama, schlicht und einfach. Wer also unbeschwerten Horror lesen möchte, muss einen grossen Bogen um dieses Buch machen. Hier wird man mit den nun wirklich abgrundtiefsten Seiten des Menschen konfrontiert. Und wer ein Happy End erwartet... dem soll gesagt werden, dass hier dermassen kompromisslos vorgegangen wird, dass es unglaubliche Wut und Trauer auslösen kann. Es gibt in diesem Buch keine Gerechtigkeit:
David lebt im Haus neben den Chandlers. Ruth Chandler muss drei kleine Söhne über die Runden bringen, bis eines Tages zwei Nichten auftauchen, die nun auch zu versorgen sind, weil deren Eltern in einem Unfall tragisch ums Leben gekommen sind: Meg und Susan. Wegen des Unfalls ist Susan sehr eingeschränkt und mit Beinschienen und weiteren medizinischen Geräten ausgestattet. Ruth Chandler offenbart erst nach einigen Seiten ihr wahres Ich: eine verbitterte, gewaltbereite, überforderte Mutter mit einem schweren psychichen Defekt, der zunehmend schlimmer wird. Meg, die schöne Rothaarige, wird fortan zu einer Leidensträgerin, neben welcher die Opfer aus HOSTEL wie Strahlemänner wirken müssten, denn der wahre Horror spielt sich auf der psychologischen Ebene ab, wobei auch körperliche Schändungen der wirklich extremsten, kaltblütigsten Sorte nicht ausgelassen werden. Schlimmer wird das ganze in dem Moment, als sich beim "Kindsmissbrauch durch Erwachsene" nun auch noch Kinder beteiligen.
Mir persönlich hat das Buch teilweise den Verstand verdreht. Ich kenne Situationen aus Jugendjahren, die recht extrem waren, weil sie es erstens tatsächlich waren, und man zweitens als Kind vollkommen wehrlos ist. Diese Wehrlosigkeit und die Naivität/Dummheit und in gewissen Fällen Kaltblütigkeit Mitbeteiligter ist es, welche den absoluten Terror dieses Buches ausmacht. Das ganze wird dann auch vollkommen kompromisslos aufgezeigt, niemand relativiert, niemand hilft, niemand fühlt mit. Da wird einem an Schnüren in einem unterirdischen Bunker gefesselten Mädchen zum x-ten mal in empfindliche Körperstellen gekniffen, mit der Aufforderung zu weinen. Was manchmal nicht möglich ist, wenn man bis vor wenigen Minuten während den letzten Tagen nur geweint hat.
Kein Buch für zarte Seelen (wie mich). Wie bei IRREVERSIBLE ein Buch, das berührt und man fühlt sich genau wie David: man will nicht weiterlesen, und doch kann man irgendwie nicht anderst. Noch nie war ich selbst so nah und so sehr Teilnehmer. Ein Fluch. Doch wenn man solche Themen auffasst, dürfen sie nicht simplifiziert werden.
Ansonsten wirds genau so sein wie mit David: man denkt sich "ist schon schlimm, aber wird schon!". Wird nun aber bis ins letzte Détail alles präsentiert, wird man sich der unglaublichen Tragik erst bewusst. Eine Vergewaltigung beispielsweise ist kein Akt von wenigen Sekunden, das ist allerhöchstens in Filmen so. Dennoch: man hat als Mensch das Recht etwas NICHT zu sehen oder zu lesen. Es gibt auch Dinge, von denen ich nichts genaueres wissen will, auch wenn ich weiss, dass sie geschehen. Bei diesem Buch ist das eine solche Gradwanderung. Ich hätte fast aufgehört.
Fazit: wer Horror ala Clive Barker / Stephen King / Dean Koontz etc. möchte, soll das hier schleunigst vergessen. Ich würde hier eher von TERROR als von Horror sprechen. Das Buch macht nicht Spass und leuchtet jegliche Fazetten von purem Schmerz aus. "Ihr wisst, was Schmerz ist?", so der erste Satz dieser Erzählung. Der ganze Roman befasst sich mit Schmerz: jener, den sich Kinder unabsichtlich beim Spielen zufügen, jener, den lieblose Eltern den Kindern zufügen, jener, den sich Ehepartner gegenseitig zufügen, wenn die Familie nicht mehr Bilderbuchkonform ist, Schmerz aus Masochismus, Schmerz aus Sadismus, unverstandendener, fehlinterpretierter Schmerz...