Regisseur Cronenberg ist immer dann besonders gut, wenn der Stoff doppelbödig ist, sich überraschende charakterliche Metamorphosen vollziehen und sich zunächst verborgene moralische Abgründe auftun.
Dieses Wandern am Grat der menschlichen Ambivalenz, die einen Biedermann als Brandstifter, einen Wohltäter als Täter identifiziert, liegt ihm und lässt seine Filmerqualitäten in hohe Höhen aufsteigen. Dann ist seine künstlerische Handschrift sehr einzigartig unter denen der Hollywoodveteranen. Im Mainstream hatte Cronenberg Erfolge mit "The fly", im Gedächtnis blieben aber auch abseitige und ungewöhnliche Thriller wie "Dead zone" oder "Videodrome" und verstörende Charakterstudien wie "Crash". Nahezu jeder dieser Filme beschrieb, wie schnell die dünnen Linien zwischen den Licht- und Grauzonen unserer Moral überschritten sein können.
Auch in "History of Violence" vollzieht sich eine Wandlung. Ein treusorgender Familienvater wird mit seiner gewalttägigen Vergangenheit konfrontiert. Und wie in einer Drogenkarriere, die nie wirklich beendet ist, greift er erneut zu dem Gift, setzt Gewalt ein, zunächst nur um das Eindringen seiner Vorgeschichte in's Heute zu verhindern. Dann jedoch überschreitet er die Grenzen der Selbstverteidigung, wird Täter. Wir wissen nicht, wie wir dazu stehen sollen. Eine eindringliche psychologische Reflexion über Lüge, Gewalt und Doppelmoral im Thrillergewand. Cronenberg's brillante, glasklare Bildsprache, wie er Gesichter und amerikanischen Regionalismus zeigt, ist ideal, um in Eindeutigkeit die Zweideutigkeit vorzuführen. Ein außergewöhnlicher, sehenswerter Film. Einer der besten in Cronenberg's Schaffen.