Dieses Buch hat mich abwechselnd hin und her gerissen, insgesamt vor
Spannung gefesselt, stellenweise geärgert und phasenweise zu heftigem
Kopfschütteln gebracht... Aber von Anfang:
Die Idee zur Geschichte fand ich grundsätzlich fesselnd, und war gespannt
auf die Umsetzung der Story und die Vorstellungen der Autorin vom "Leben
nach dem Crash". Hier muss ich jedoch klar sagen, das die Darstellungen von den
Geschehnissen stellenweise so lückenhaft, naiv, wirklichkeitsfremd oder
schlichtweg falsch sind, das es wirklich ärgerlich ist.
Die Personen:
Es wird als Hauptpersonen eine "Musterfamile" entworfen:
- Das allein lebende Ehepaar (die 3 Kinder sind aus dem Haus), das sich seit
Jahren auf genau dieses Katastrophenszenario vorbereitet hat. Das Haus und
Lage, das Grundstück, die Möglichkeiten (ehemalige Gärtnerei), der Keller
mit Vorräten aller Art für DREI Jahre, mit Computern und Elektrogeräten
welche in Metallkästen verpackt worden sind um ein EMP überstehen zu können,
mit den bewusst erlernten Fähigkeiten von Ackerbau/Heilkünsten/Hebammenkenntnissen
/Einmachen/Lagern/und vielem mehr,mit extra antrainierter Fitness für diesen Fall,
Webcams zur Überwachung, Lagerlisten, Brunnen, Generator...
Bei einigen Büchern liest manchmal in Kritiken, das der eine oder andere Bereich
"etwas konstruiert" wirkt: Dieses "Musterehepaar" wirkt zu 100 % konstruiert !! Ach
ja, und die Frau ist bis zur Übereinstimmung des Namens offensichtlich ein
Selbstbildnis der Autorin, wenn man sich ihre Internetseite mal anschaut...
- Der fast genau so in Überlebens- und nach-dem-Crash-Szenarien fitte Sohn
Fritz
- Der erst etwas dusselige und doofe Sohn Ulli, dessen analytisches Denken
im Laufe des Buches ihn zum "zivilen Lagerleiter" von München wachsen lässt,
und der den dummen und völlig überforderten Militärs mehr oder weniger zeigt
was sie tun sollen...
- Die Tochter mit kleinem Kind, die erst versucht in der Wohnung in Berlin
zu bleiben und zu überleben, und am Ende in einer völlig abwegigen Aktion
quer durch die Republik reist...
Kritik insgesamt:
- Wie o.g., das "Musterehepaar" ist auf dieses Szenario so perfekt und
umfassend vorbereitet, das es einem als Leser echt graust... Es ist in etwa
so, als spiele die Geschichte in Arktis, in einem Dorf der Inuit, wo
plötzlich ein Farbiger in Badehose mit voll ausgerüstetem Expeditionsschiff
auf dem Eis liegt, und das ewig weit von der Küste entfernt. Und sagt er,
wenn es hier über Nacht plötzlich alles wegtaut und 30 Grad warm wird, dann bin ich
aber voll ausgerüstet. Und am nächsten Tag (Seite 2 des Buches) ist dann
alles weggetaut, er sitzt im Boot, und alle Inuit schwimmen blöd daneben
rum...
Wer sich schon etwas mit Survival, Krisenschutz etc. beschäftigt hat, der
findet im Buch viele ernsthaft gute Tips und Dinge wieder !! Das will ich
nicht bestreiten. Darüber hinaus aber sind diese Hauptpersonen einfach
völlig unrealistisch perfekt vorbereitet auf ein Ereignis das zwar nicht
auszuschliessen ist, dessen Eintritt im beschrieben Ausmaß jedoch als
abwegig bezeichnet werden kann.
Kritik im Detail:
- S. 69: Die Hauptperson ist "aus Überzeugung nicht mehr krankenversichert"
=> Schönen Dank, diese Haltung sorgt dafür, das ein vom Prinzip her
funktionierendes System langsam den Bach runter geht, weil sich immer mehr
Leute dies es sich leisten könn(t)en Beiträge zu zahlen aus dem System
ausklinken. So KANN es nicht funktionieren...
- ALG III - Empfänger werden als Sozialhilfeempfänger bezeichnet, und
insgesamt als faul und unnütz (kriegen tägl Essen aus dem Automaten)
dargestellt.
- S. 93 + 107: Mehrere Hauptpersonen haben (natürlich ?) einen Revolver
Zuhause und dabei, auch der 21 jährige Sohn Fritz. => Nur am Rande:
Großkaliber-Kurzwaffen gibt es hierzulande erst ab 25 Jahren, und auch
darüber kann man die nicht bei ALDI kaufen. Es fehlen die Beschreibung wie /
wieso / woher die plötzlich scharfe Waffen haben !!
- S. 99: Plünderer stehen vor der von innen verrammelten Tür in einem großen
Mietshaus, brechen diese auf, als sie aus dem inneren ein Kind schreien
hören. Reaktion: Sie brechen die Plünderung ab, weil bei "Familien mit
Kindern in so einer Gegend ja eh nichts zu holen ist"... => völlig abwegiges
und unlogisches Verhalten !!!
- S. 113 + 139: Ein Großteil der Plünderer sind Spätaussiedler => Hallo
Vorurteil !!!
- S 164: Grad sind die Plünderer beim Sohn Fritz "durch", da stellt er sein
Windrad auf, fährt den PC hoch usw.... Einerseits so schlau der Jung, in dem
Fall aber ein völlig dusseliges Verhalten.
- S. 178: der "Lude King Marco" organisiert das Leben in Frankfurt... Klar,
die Luden, die Jungs mit den breiten Schultern und den dicken Autos, alles
Deutsche übrigens, die können das... Ehrlich, schaut mal den Spaß-Film "Der
letzte Lude", da kann mal sehen, wer im Rotlichtmileu heutzutage die Fäden
zieht. Nur zur Info: Die Deutschen sind es nicht... und was sich da heute
rumtreibt, würde ich in dem Szenario eher bei den Plünderern sehen, als bei
den organisierenden "Gutmenschen"... Völliger Blödsinn.
- S 189: Ein Frau stellt einen riesigen Kerl mit Eisenstange durch einen
Tritt ins Gemächt nachhaltig ruhig... Das möchte ich in der Praxis mal sehen
!!
- S 215: Ein "Gangsterboss" errichtet in einer Neubausiedlung ein Lager wo
andere Menschen (wofür bleibt offen ?) gefangen genommen werden. Natürlich
haben die Gangster alle Waffen und saufen den ganzen Tag und sind alle strunzblöd ...
Meine Güte ist das realtitätsfern und schlecht !!
- S 241: Um eine sehr riskante Flucht von Berlin nach Südeutschland zu
organisieren taucht plötzlich ein mysteriöser "Josh" auf. Der fälscht in ein
paar Stunden Diplomatenpässe (ohne Bild ???), bringt die Namen der
Flüchtenden auf militärische Flüchtlingslisten, bringt kaputte Züge zum
laufen und hilft bei späteren Problemen auch von Berlin bis Stuttgart über
Funk... Da sind wir dann mittlerweile voll im Märchen !! Besonders die Sache
mit den Dieselloks ist kompletter Blödsinn !! Nach nem EMP funktioniert auch
keine Diesellok, da die Dinger auch Elektronik satt an Bord haben !! Und
die Fahrt nach Süddeutschland ist völlig abwegig !! Es würden zig Züge im
Weg stehen, es hätte im Moment des EMPs zig Zug-Unfälle gegeben, und das
Beste: Es funktioniert KEINE EINZIGE Weiche !! Der gedachte Notzug müsste
vor JEDER Weiche halten, diese müsste vom Antrieb gelöst und gesichert (=
abgebunden) werden, wofür Spezialmaterial und Spezialwerkzeug erforderlich
ist. Bei dem Zeitbedarf hierfür wäre ich Zu Fuß erheblich schneller !! In
diesem Punkt hat die Autorin leider gar keine Ahnung gehabt !!
- Der schwarze Mann "Tom Ngobi aus Ghana" (oder so ähnlich), der aufgrund
seiner Herkunft ein "Improvisionstalent" ist, das den überqualifizierten
Ingenieuren zeigt, wie man Wasser in die Stadt bekommt ist auch ein tolles
Klischee... Da würde ich der Autorin mal eine Erkundungstour nach Afrika
empfehlen, um sich diese "Genies" mal vor Ort anzuschauen... Sie wäre
erstaunt...
- S 271: Beim überwältigen der bösen Gangsterbande aus dem Neubaugebiet wird
der Chef mit ner Armbrust (im 2 Schuss !!) getötet, wonach die anderen "ohne
ihren Chef hilflos sind" und auch von dem Mann mit der Armbrust erschossen werden....
So einen Schwachsinn hab ich zuletzt 1970 bei Winnetou mit Pierre Brice gesehen !!!
Fazit:
Die Idee für das Buch, das Thema, das finde ich wirklich gut und spannend. Das Buch
liest sich auch spannend, wenn nicht die vielen Rechercheschwächen, Vorurteile und
sonstiger Blödsinn wäre. Da wären ein paar Monate mehr an Recherche sicherlich eine
gute Investition gewesen, um das Buch autentischer zu machen. So gibts von mir 3
Sterne für Story und Spannung.