Mirror's Edge ist in einer Klasse für sich - das gleich vorneweg.
Ein Jump&Run aus der Ego-Perspektive gab es nämlich bisher schlicht noch nicht. Nach kurzer Spielzeit fragt man sich, warum nicht früher jemand auf diese Idee kam, denn es macht großen Spaß, auf Hochhausdächern zwischen Containern, Klimaanlagen und Rohren rumzufetzen, von Dach zu Dach zu springen und mit voller Laufgeschwindigkeit durch Türen zu brechen. Ein Tutorial erklärt alle wichtigen Moves und gibt die Chance zum Üben.
Faith, die zu steuernde Hauptperson des Spiels, ist eine "Runnerin" - in der im Spiel dargestellten Zukunftsvision einer Stadt unter totalitärer Kontrolle sind sie und ihresgleichen die einzige Möglichkeit für Systemkritiker, Botschaften und Waren quasi zensurfrei auszutauschen.
Die Wege der Runner führen immer auf dem möglichst kürzesten Weg zum Ziel, da sie oft genug von der Polizei gejagt werden. Also wird auf Dächern gerannt, an Rohren und Ballustraden geklettert, unter Hindernissen durchgeschlittert, kurzzeitig sogar an Wänden langgelaufen (sog. "Wallrun"). Die Steuerung per Tastatur und Maus funktioniert einwandfrei, obwohl das Spiel von der Konsole kommt. WASD-Tasten zur Bewegung, Space zum Springen, STRG, TAB, E usw. für Aktionen und Kombis. Wer möchte, kann natürlich auch sein Gamepad benutzen, was ich allerdings nicht ausprobiert habe.
Die Welt stellt sich meist nicht als schlauchförmiger Level dar, sondern eher als offene Stadt, in der man häufig den Weg suchen muss. Hilfestellung ist dabei die "Runner Vision", die zum Fortkommen nötige Rohre, Stangen oder Rampen rot darstellt.
WENN der Weg klar ist, dann kann Faith mit affenartigem Tempo Kombis verschiedener Sprünge, Wallruns und Slides durchführen. Das Spiel stellt das Tempo zusätzlich über Unschärfeeffekte und ein deutlich hörbares Atmen von Faith dar, was hervorragend gelingt.
BIS der Weg allerdings klar ist, muss man auch öfter mal suchen, Haare raufen, einige Male in den Tod stürzen. Erstaunlich für mich: Immer, wenn der Frust einzusetzen drohte, habe ich den Weg dann doch gefunden bzw. den unmöglich scheinenden Sprung doch noch geschafft. Der Schwierigkeitsgrad scheint mir perfekt getroffen. Viel "Trial & Error", also immer wieder versuchen, bis der richtige Weg oder Absprungzeitpunkt gefunden ist, ist allerdings definitiv nötig.
In einem frühen Entwicklungsstadium des Spiels hatte Faith noch eine eigene Waffe - gottseidank ist sie von den Entwicklern wieder "weggenommen" worden, denn der Nervenkitzel ist viel größer, wenn man unbewaffnet an den Cops vorbeifetzt und seinen Geschwindigkeitsvorteil nutzt, statt sie einfach nur umzunieten.
Faith kann Gegner entwaffnen oder K.O. schlagen und deren Waffe dann nutzen, bis das Magazin leer ist. Nachladen ist nicht! An einigen Stellen des Spiels ist das auch nötig, aber in vielen Fällen gibt es auch die Möglichkeit, einfach ohne Geballer zu entkommen. Damit wird der Jump&Run-Aspekt nochmal unterstrichen; dies ist kein Ego-Shooter, Kampf ist sekundär!
Die Grafik des Spiels ist für mich ein Hammer! Nicht nur, dass die Qualität der Animationen und Texturen großartig ist. Der Stil ist einfach einzigartig - weiße Häuser, Räume und Gänge mit grellbunten Plakaten, Schildern, Türen und Möbeln, eine sterile Atmosphäre, die vor allem in den Innenlevels sehr cool rüberkommt. GeForce-Besitzer können PhysX-Effekte zuschalten, wodurch Glas realistisch splittert und Plastikfolien täuschend echt im Wind flattern. Zwischensequenzen werden in einem futuristischen Comicstil dargestellt, der ebenfalls gut gelungen ist.
Zum Vergleich mein System: Core2 Quad 8300 @ 2.5 GHz, GeForce 9800 GT 512 MB, 4 GB RAM, Vista 64 Bit - kein Problem mit hohen Einstellungen!
Dazu gibt es eine gute Sounduntermalung, die mit Surroundanlage besonders Spaß macht.
Kritik? Ja, das Spiel ist recht kurz! Nach etwa 10 Stunden war ich durch, talentiertere Spieler als ich schaffen das noch etwas schneller! Es gibt über den Storymodus hinaus zwar die Möglichkeit, im Internet gegen andere Spieler auf Zeit durch Levels zu eilen und auch offline die eigenen Zeiten in den Levels ohne Cop-Gegner zu verbessern. Das schien mir persönlich aber nicht besonders interessant.
Schwindelfreie, die mal etwas Actionreiches außerhalb der üblichen Genres probieren möchten, sollten unbedingt zugreifen!