Bevor die Yerli-Brüder mit ihrem Entwickler-Studio Crytek auf der PC-Spielfläche erschienen, durfte man annehmen, dass hauptsächlich Wirtschaftssimulationen das Steckenpferd der Deutschen Spiele-Industrie sind. "Die Siedler", "Fussball-Manager", die ganzen "Industrie-Giganten", historisch angehauchte Strategie-Klassiker wie "Patrizier" oder "Die Gilde" - alles Titel, die auf heimischer Flur sehr beliebt sind... Welche aber auch die einzig brauchbaren Vertreter besagten Genres darstellen, da von Spiele-Nation USA diesbezüglich nichts Gescheites auf dem Markt kam (und auch nach wie vor nicht kommt). Umgekehrt versteht jenes Land sein Handwerk besser wie kaum ein anderes, wenn von (Ego-)Shootern die Rede ist. Das blieb auch geraume Zeit so. Bis Crytek mit "Far Cry" im Jahre 2004 seinen ersten großen Achtungserfolg verbuchen konnte und im gleichen Zuge bewies, dass spielerisch und technisch hervorragende Shooter auch aus Deutschland kommen können. Nur wenige Jahre später (2007) wurde der inoffizielle Nachfolger "Crysis" aus der Taufe gehoben. Dieser Titel übertrumpfte nicht nur den ohnehin sehr guten Crytek-Erstling, sondern wurde zum neuen Meilenstein im First-Person-Shooter-Genre. Und ist es meiner Ansicht nach bis heute noch.
Die Story des Spiels:
Eine US-Spezialeinheit landet auf einer tropischen Insel im ostchinesischen Meer, welche wenige Tage zuvor von der Nordkoreanischen Volksarmee eingenommen wurde. Das allein wäre die Aufregung und das Eingreifen der Amerikaner an sich nicht wert, wäre da nicht ein Team von Archeologen vor Ort, das eine erstaunliche, aber auch sehr bedrohliche Entdeckung gemacht hat und nun von den Koreanern festgehalten wird.
In der Rolle des US-Specialforces-Mitglieds Nomad kämpft man sich durch den Dschungel bzw. gegen zahlreiche KVA-Soldaten, mit dem Ziel, das Archeologen-Team zu befreien. Im Laufe der Rettungsaktion stellt sich heraus, dass die eigentliche Gefahr nicht von den Koreanern ausgeht, sondern von "Etwas", das sich unter der Insel-Oberfläche verbirgt. Und dieses "Etwas" ist nicht von dieser Welt...
"Crysis" ist kein Preis-Anwärter für den besten Spiel-Plot, das soll vorab schon mal gesagt sein. Wer Sci-Fi-Werke aus der Hollywood-Filmschmiede kennt, wird genug Genre-Versatzstücke wiederfinden: Ein bisschen "Independence Day" hier, ein bisschen "Das Ding aus einer anderen Welt" dort und noch viele Filmzitate mehr. Die Bedrohung ist wie so oft außerirdischer Natur.
Dennoch: Kombiniert mit dem Insel-Ambiente - welches man bereits aus "Far Cry" kennt - schaffen die Yerli-Brüder einen packenden und Hollywood-reif inszenierten Sci-Fi-Actionknaller, der soviel Spielspaß und Abwechslung bringt wie kaum ein anderer Shooter der jüngsten Zeit.
Die trügerisch-idyllische Pazifik-Insel ist ein einziger großer Spielplatz. Grüne, dichte Vegetation, wohin man blickt. Krebse krabbeln den weißen Sandstrand entlang, während eines kurzen Tauchgangs lassen sich Schwärme von Südsee-Fischen erblicken, die Palmen und Farne wiegen sich im Wind, und ab und an flattern Vögel oder anderes Getier durch die Luft. Eine Landschaft, die wahrhaftig atmet und lebt. Und das in einer phänomenalen Grafik, die an Details absolut keine Wünsche offen lässt. Wer "Crysis" in höchsten Einstellungen (mit DirectX10-Grafikkarte) gesehen hat, wird mehr als nur Bauklötze staunen, da es einen solchen Grad an Fotorealismus noch nie zuvor gegeben hat. Nicht nur die Natur ist ein grafischer Leckerbissen, auch die Spielfiguren wurden fantastisch gestaltet und animiert. Allein die Gesichter der NPCs (Non-Player-Charakter) übertreffen alles bisher Dagewesene. Optisch war das Spiel zum Zeitpunkt seiner Erscheinung der Konkurrenz um mindestens 3 Jahre voraus - absolute Referenz-Qualität, was die CryEngine2 auf den Monitor zaubert. Bis heute gab es noch kein anderes Spiel, das mit dieser optischen Pracht gleichsetzen konnte. Jedenfalls kann ich mich an Keines erinnern.
Auch soundtechnisch braucht sich "Crysis" nicht zu verstecken. Musik wird sparsam eingesetzt, passt aber dann immer zum aktuellen Geschehen. Die Soundeffekte fangen die tolle Insel-Atmosphäre perfekt ein, die Waffen haben akustisch ordentliche Durchschlagskraft und die komplett deutsche Vertonung muss keinen Vergleich zum Filmmedium scheuen, da einige renommierte Synchonsprecher (u.a. von Ving Rhames oder Sean Bean) ihren Beitrag dazu leisten. Lobenswert ist auch die Tatsache, dass unser Alter Ego selbst oft genug zu Wort kommt und sich gerne in Gespräche einmischt. Ein stummer Held wie Gordon Freeman aus "Half-Life 2" ist Nomad somit nicht.
Wie es sich für einen Crytek-Titel gehört, sind unsichtbare Wände unerwünscht. Spielerische Freiheit ist das A und O von "Crysis"; man kann nahezu alles begehen, befahren, erklimmen oder (mit kleinen Einschränkungen) überfliegen, an Jeeps, Panzern, LKWs, Schnellbooten oder Luftfahrzeugen mangelt es nicht. Direkte Wege sind ebenso möglich wie auch große Umwege. Wie man's macht, bleibt einem selbst überlassen. Um ein Werbezitat von McDonalds hier einzufügen: "Ich liebe es !" :-)
Völlig zerstörbar wie bei "Red Faction" ist das Gelände zwar nicht, dafür aber lassen sich Well-Blechhütten, Holz-Unterstellplätze, nahezu jedes Gefährt fachgerecht und physikalisch korrekt zerlegen; fast jeder tragbare Gegenstand kann als alternatives "Wurfgeschoss" verwenden werden, während man Palmen und andere Tropenbäume durch Einsatz eigener Waffen problemlos "fällt". Das sieht nicht nur toll aus und schafft für klare Sicht, sondern kann taktisch zum eigenen Vorteil genutzt werden: die Gegner büßen so Deckungsmöglichkeiten ein oder werden gleich von besagtem Gewächs mit etwas Glück erschlagen. Dies spart nicht nur Munition und Kraft, es lässt auch eine gewisse Interaktivität mit der Umwelt zu.
Der Spiel-Auftakt erinnert zunächst frappierend an "Far Cry". Doch spätestens mit dem Einsatz des Nano-Suits, mit welchem der Alter Ego und seine Kameraden ausgestattet sind, hören die Ähnlichkeiten auf. Der hochentwickelte Anzug erlaubt eine Erhöhung der Laufgeschwindigkeit, der Körperkraft, der Panzerung oder eine vorübergehende Tarnung. Desweiteren können aufgesammelte Waffen zügig mit diversem Zubehör modifiziert werden.
Wie schon bei "Far Cry" gilt auch hier: Jeder kann auf seine eigene Art spielen. Durch sinnvollen Einsatz der Anzug-Fähigkeiten kann man heimlich und lautlos vorgehen, oder auch frontal und blitzschnell alles und jeden niedermähen. Ob Sniper, Freizeit-Rambo oder Allround-Soldat, "Crysis" eignet sich für Jedermann.
Zur Künstlichen Intelligenz der Gegner kann man sagen, dass sich hier ein zweigeteiltes Bild ergibt: Die Koreaner agieren clever genug, um bei Beschuss in Deckung zu gehen und sich taktisch an den Spieler heranzutasten oder diesen gleich einzukreisen. Selten laufen sie mitten ins Gewehrfeuer, und manchmal ergreifen sie lieber kurz die Flucht, um sich eine bessere Gefechts-Position zu verschaffen. Die bleihaltigen Scharmützel gegen diese Gegner machen letztendlich auch am meisten Spaß.
Etwas schwächer dagegen die KI der Aliens; ein taktisches Verhalten als Solches ist bei denen nicht erkennbar, dafür wiederholen sich ihre Angriffsmuster zu sehr. Wegen ihrer Schnelligkeit und physischen Stärke sind die Kämpfe mit ihnen aber nicht minder fordernd, dauern diese doch länger und erfordern noch bessere Zielreflexe.
Fazit:
"Crysis" hat die Messlatte in Sachen Grafik, Gameplay und Inszenierung gewaltig angehoben. Wer (so wie meine Wenigkeit) mit Moorhuhn-Klonen wie der "Call of Duty"-Reihe nichts anfangen kann, findet in Crytek's Action-Perle vielleicht genau das, was er immer gesucht hat: Eine offene Spielwelt, eine KI die ihren Namen auch verdient und abwechslungsreiche Missionen fernab vom üblichen "Level-Säubern", zusammen mit einer technisch vorzüglichen Umsetzung. Und mit einem Spielumfang von ungefähr 12 - 13 Stunden kein ultra-kurzes Vergnügen.
Damals noch als Hardware-Fresser verschrien, kommt das Spiel mit heutiger PC-Ausstattung voll zur Geltung. Verdientermaßen gebührt ihm die Krone als Genre-König für den Rechenknecht. Doch vielleicht wird es die Krone bald wieder abgeben müssen, denn "Crysis 2" steht schon für Anfang 2011 in den Startlöchern.