Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann ist eine der berühmtesten Erzählungen der deutschen Schauerromantik. Noch heute wird die Vielschichtigkeit und psychologische Raffinesse dieses kleinen dunklen Juwels von vielen bestaunt.
Der hier vorliegende Film ist jedoch trotz des irreführenden Titels auf der DVD KEINE Verfilmung von E.T.A. Hoffmanns Erzählung. Vielmehr liegt hier ein Werk vor, das von gewissen Motiven daraus inspiriert ist, aber eine komplette Neuerzählung mit anderen Schwerpunkten darstellt. Nicht nur, dass die Handlung ins zeitgenössische Italien verlegt wurde auch die Struktur und die Figuren wurden massiv verändert und weisen so nur noch eine sehr eingeschränkte Ähnlichkeit mit Hoffmanns Original auf.
Die Schwerpunkte sind hier anders gesetzt und der Autor und Regisseur Eckhard Schmidt hat einige eigene Ideen mit eingebracht. Dadurch ist ein Film entstanden, der von einer mysteriösen Atmosphäre gut getragen wird und überhaupt durch tolle Inszenierung, packende Schauspielerei und interessante Schauplätze zu einem optischen Kleinod wird.
Leider wird das jedoch von einigen psychologischen Ungereimtheiten überschattet, sodass man nicht von einem Meisterwerk sprechen kann.
Daniel (der neue Nathanael) fährt mit seiner Freundin Klara in eine Stadt in Italien, wo er als Kind mit seinen Eltern gewohnt hat, um mehr über den unheimlichen Tod seines Vaters in Erfahrung zu bringen. Schon am ersten Tag begegnet er in der Nacht auf der Straße Coppola, der einst mit seinem Vater gearbeitet hat. Dieser hat eine schöne aber seltsame Tochter, Olimpia, die von ihm in seiner Villa vor der Außenwelt abgeschirmt wird. Von seinen traumatischen Erinnerungen gequält, will Daniel unbedingt mehr über Coppola und Olimpia herausfinden, aber Coppola leugnet jegliche Verbindung zu Daniels Vater. Bald fühlt sich Daniel unwiderstehlich zu Olimpia hingezogen und lässt seine Freundin Klara einfach links liegen... Er entführt Olimpia, um mit ihr die wahre Liebe zu finden. Doch Coppola ist damit ganz und gar nicht einverstanden und Olimpia stellt sich schon bald als alles andere als eine normale Frau heraus...
Es wurde in Italien gedreht und die alten, schmalen Gassen und düsteren Villen passen gut zum dunklen Hintergrund der Geschichte. Immer wieder gibt es Rückblenden in die Nacht als Daniels Vater ermordet wurde, die mit tiefen Synthesizerklängen unterlegt wurden und einen beängstigenden Kontrast zum sonstigen Geschehen bilden, das oft von Chopin oder Vivaldi Klängen begleitet wird, wenn die Protagonisten durch die Straßen von Italien flanieren.
Stella Vordermann als Olimpia ist sehr überzeugend darin, der Figur sowohl etwas Anziehendes als auch etwas Seltsames zu geben. Damit schwebt immer ein Hauch von Geheimnis über dem Geschehen, der vielleicht auch Hoffmann gut gefallen hätte und jedenfalls für einen atmosphärisch dichten Film sorgt.
Doch leider gibt es einige psychologische Ungereimtheiten, die den Plot behindern und es den Zuseher schwer machen, die Botschaft des Films nachzuvollziehen. Das größte Problem ist die Hauptfigur Daniel. Leider wird hier komplett darauf vergessen, der Figur echten Charakter und Hintergrund zu geben. Die meiste Zeit des Films ist er ein von seinen inneren Ängsten bis zur Raserei getriebener. Dabei benimmt er sich völlig rücksichtslos gegenüber seiner Freundin Klara und taumelt auch sonst von einer Dummheit in die nächste. Verrückte Charaktere kommen in vielen Filmen vor und oft sind sie sogar die großen Stars. (Hannibal Lecter oder Fitzcaraldo zum Beispiel.) Für Daniel kann man aber fast gar keine Sympathie empfinden, da einfach zu wenig erklärt wird, warum er sich so seltsam verhält. Man hätte die Figur wenigstens einmal innehalten lassen müssen, um sie etwas verständlich zu machen, anstatt sie derart ins Extrem zu zerren. Es wirkt demgegenüber auch sehr seltsam, dass seine Freundin Klara sich dieses beleidigende Verhalten ihres Freundes - der ihr nicht mal erzählt warum sie in Italien sind oder warum er dauernd verschwindet - gefallen lässt. Man ärgert sich als Zuseher einfach nur über so viel Dummheit des Protagonisten.
Auch der Antagonist Coppola bleibt eine eindimensionale Figur. Ironischerweise wurde stattdessen Olimpia, die bei Hoffmann überhaupt keinen eigenen Charakter hat, mehr individualisiert. Aber das hebt leider die generelle Oberflächlichkeit der Story auch nicht ganz auf.
Immerhin kann man jedoch die Schlusspointe (die ich hier nicht vorweg nehmen will) als gelungen betrachten und man wird dadurch ein wenig für die anderen Schwächen entschädigt.
Über die DVD an sich gibt es nicht viel zu sagen. Die Bildqualität ist O.K. Extras gibt es leider gar keine, außer einen Haufen von Trailern. Das ist freilich enttäuschend. Ein Interview mit dem Regisseur wäre doch immerhin möglich gewesen, oder?
Letztlich ist jedenfalls zu sagen, dass es sehr toll ist, dass dieser interessante Film endlich auf DVD veröffentlicht wurde. Er ist leider kein Meisterwerk, aber aufgrund seiner Eigenart und der tollen Optik sicherlich sehenswert. Besser wäre es allerdings die DVD nur 'Der Sandmann' zu nennen und den Hoffmann Bezug nicht zu stark zu betonen.
P.S.: Auf dieser DVD findet sich ein Trailer zu dem Film 'Undine', der ebenfalls von Echkart Schmidt stammt. Ich hoffe sehr, dass auch dazu bald eine DVD erscheint und falls irgendjemand, der damit zu tun hat, dies liest, möchte ich mich schon mal im Vorhinein für eine baldige Veröffentlichung bedanken.