Fünf Jahre waren seit dem Erscheinen des bahnbrechenden Erfolgsalbum "Kind of Blue" vergangen, fünf Jahre in denen sich Umstürzendes in der Jazzwelt ereignet hatte: Ornette Coleman, Cecil Taylor und Albert Ayler waren mit grellen Tönen auf den Plan getreten, mit dem Album "A Love Supreme" hatte sich auch John Coltrane ihnen prinzipiell angeschlossen, "The New Thing" war in aller Munde und begriff sich als Speerspitze der Avantgarde.
Miles Davis hatte weiterhin an der Verfeinerung seines modalen Konzepts gearbeitet, sich aber sonst in der Zwischenzeit nur unwesentlich von der Stelle bewegt und mit Alben wie "Someday My Prince Will Come" nach wie vor auf bewährte Standards gesetzt. Er, der sich immer als erster Innovateur des Jazz gesehen hatte, der dem Free Jazz aber stets ablehnend gegenüberstand, drohte angesichts dieser Entwicklung in die Rolle des Gestrigen gedrängt zu werden.
Für ihn waren die Ausdrucksmöglichkeiten des Bebop aber noch lange nicht erschöpft, es galt ihn nur mit neuen, verfeinerten Mitteln aus dem Korsett des Klischees zu befreien: mit Stop-and-go-Spiel, Form-Modulation, Aussetzung der Time, quartenbezogene Melodik und Harmonik, polyrhthmische Überlagerungen u.a. Raffinessen. Was er noch suchte, waren die geeigneten Musiker um dieses Vorhaben auch zu verwirklichen. Seit "Seven Steps to Heaven" (1963) hatte er mit Herbie Hancock (p), Ron Carter (b) und Tony Williams (d) schon eine kongeniale "Working-Band". Als er im September 1964 Wayne Shorter, auf den er schon lange ein Auge geworfen hatte, aus der Art-Blakey-Band abwerben konnte, hatte er seine hochvirtuose Truppe vervollständigt, mit der er ein weiteres Mal ein neues Kapitel des Jazz aufschlagen sollte: das "zweite Miles Davis Quintett" war geboren und mit ihm der "Free-Bop".
"E.S.P." ist das erste Studioalbum dieses Quintetts, es sollten noch die stilistisch verwandten Einspielungen "Sorcerer", "Miles Smiles" und "Nefertiti" folgen (ab "Miles in the Sky" erfolgt ein erneuter Umschwung zur Elektrifizierung und Fusion). Man wüsste nicht, welchem Album man davon den Vorzug geben sollte, den alle zeigen Miles Davis und seine Mitmusiker im Zenit ihrer schöpferischen Kraft und musikalischen Entwicklung - was danach kommt, steht auf einem anderen Blatt. "E.S.P." musste die damaligen Hörer befremden: es war absolut anders - freier, abstrakter, intellektueller, interaktiver - als alles was der Trompeter vorher aufgenommen hatte. Es war Lichtjahre von dem kommerziell verwertbaren Miles entfernt, wie er z.B. auf "Miles for Lovers" zu hören war , ein Prestige-Album das nur einige Monate nach "E.S.P" veröffentlicht wurde. Der neue Sound war gewöhnungsbdürftig, er versperrte sich dem sofortigem Zugang. Das, und die Tatsache, dass fast zeitgleich mit dem Erscheinen von "E.S.P." sechs weitere Miles Davis Neuveröffentlichungen auf den Markt geworfen wurden, hatte zur Folge, dass "E.S.P." damals bei weitem nicht die Aufmerksamkeit und Anerkennung gewinnen konnte, die es eigentlich verdient hätte... und dabei ist es im Grunde bis heute geblieben.
Sound: sehr gut, perfekte Balance der Instrumente, gute Räumlichkeit.
Einspielung: Columbia Studios, Los Angeles, 20-22 Januar 1965
Veröffentlichung 1965
Label Columbia Records
Laufzeit 48:05
Besetzung:
* Trompete: Miles Davis
* Tenorsaxophon: Wayne Shorter
* Piano: Herbie Hancock
* Bass: Ron Carter
* Schlagzeug: Tony Williams
Produktion: Irving Townsend/Teo Macero