Man könnte es fast als Zick-Zack-Kurs bezeichnen, was sich in den letzten drei/vier Jahren bei den beliebten US Power Metal Veteranen abgespielt hat. Lobte Bandkopf Schaffer ex-Judas Priest Sänger Tim 'Ripper' Owens zunächst noch in den allerhöchsten Tönen, wurde selbiger in einer Spontanaktion gegen Langzeit'Vokalist Matt Barlow ausgetauscht. Nicht zuletzt aufgrund vieler Fans, die letzteren lange schmerzlich vermisst hatten, ließ sich Bandleader Jon Schaffer irgendwann erweichen.
So groß die Freude vor drei Jahren über das Comeback von Matthew Barlow auch war: der erhoffte Kick blieb bei "The Crucible Of Man (Something Wicked Part II)" zumindest für das Gros der älteren Fans aus. Zugeben: ich persönlich habe mir die Mühe, voll und ganz in diese aufwendig arrangierte Materie von "Something Wicked" einzutauchen, weder bei Part I ("Framing Armageddon" noch mit Tim 'Ripper' Owens am Mikro), noch bei Part II gegeben. Doch der Weiterverbleib von Schaffer's Schwager währte nur kurz. Der Polizei Job und die Familienverpflichtungen waren ausschlaggebend, Iced Earth abermals den Rücken zu kehren, wobei dieses mal die Angelegenheit - im Vergleich zu 2003 - ohne Schmutzwäsche seitens Jon über die Bühne gehen sollte, im Gegenteil: der ergraute Gitarrist und Kleinmuseumbetreiber hatte 'sogar' Verständnis für Matt's Entscheidung, zumal dieser seinen Nachfolger, zu dem wir bald kommen werden, maßgeblich mitbestimmte. Ominös scheint auch wohl die Tatsache, dass Schaffer, der seinem früheren Label Century Media noch sämtliche Inkompetenzen in aller Öffentlichkeit vor den Latz knallte, jetzt wieder als Kooperationspartner ausgewählt hat. Genau genommen folgte die Wiedervereinigung beider Parteien eigentlich mit Jon's Sideproject Sons Of Liberty vor einem Jahr.
Die Karten wurden also kräftig durch gemischt. Und das gleich mit einem relativ unbekannten Gesicht am vakanten Mikroposten: gestatten, Mister Stu Block ' Sänger der kanadischen Progressiv Death Metal Band Into Eternity. Dass im Falle Iced Earth kein ' wie man bei uns so schön sagt ' 'Z'niachtl' arrangiert werden würde, war jedem klar, doch dürfte es sich bei diesem Block um einen wahren Glücksgriff handeln. Stimmvolumen und Coleur passen meiner Meinung nämlich sehr gut zum Iced Earth style, zeitenweise klingt der Bursche seinem Vorgänger gar verblüffend ähnlich. Bei einigen High-pitch-screams kommt einem unweigerlich Rob Halford in den Sinn.
In Puncto Songwriting musste man als langjähriger Iced Earth Anhänger die hohen Erwartungen irgendwann mal reduzieren, die "Burnt Offerings"/"Dark Saga"/"Something Wicked This Way Comes" Zeiten sind halt schon lange passe. Unter diesen Voraussetzungen, also nicht zwanghaft Vergleiche zu suchen, entwickelt sich "Dystopia" zu einem mitunter freudigen Hörerlebnis. Denn die Songs kommen wieder einen Tick schneller auf den Punkt, haben mehr Hymnencharakter und lassen das alte, lang vermisste Feuer des Öfteren aufflackern.
Ganz speziell "Anthem" (beginnt mit schönem Akustikintro) und "V", denen man einige mehrstimmige Gesangspassagen sowie ausladende Chöre entnimmt, überzeugen spätestens ab dem dritten Durchlauf und lassen ebenso in instrumentaler Hinsicht so gut wie keine Wünsche ' soll heißen: typisches Schaffer Riffing und feine Twin-Harmonien inklusive ' offen. Doch selbst nach mehreren Anläufen zeigt der zunächst wenig mitreißende Opener und Titletrack "Dystopia" durchaus Qualitäten. So dürfte sich das leidenschaftliche "Anguish Of Youth" wohl zum legitimen "Melancholy" Nachfolger heraus kristallisieren, obschon dieses gewisse Etwas des Originals (was auch "I Died For You" miteinschließt) auf Lebzeiten einzigartig bleiben wird. Ebenso balladesker Natur ist "End Of Innocence", das gleichfalls einiges an Emotionen bei der Iced Earth Treuschaft wecken könnte. Auch beim flotten und geradlinigen "Boiling Point", quasi eine Zusammenkunft aus spritzigem US Metal und "Painkiller" Zitaten, zeigen Iced Earth eine verloren geglaubte Stärke und vor allem wieder richtig Biss. Selbiges gilt für "Dark City", welches mit überdeutlichem "Horrorshow" Feeling ins Geschehen greift. Und was gibt's sonst? Nun, "Equilibrium" mit seinen obligaten Galoppriffs gehört in die Rubrik 'solide, aber nicht zwingend' wie auch "Days Of Rage" (zu einfältiger Refrain). Beileibe kein schlechter Stoff, aber sicher nicht Wunder was für Bringer. Dass das am Ende mit Marschtrommeln eingeleitete "Tragedy And Triumph" nach ganz alten Iron Maiden (dieses Riff ist NWoBHM in Reinkultur!) klingt, dürfte die meisten kaum verwundern: man weiß, Iced Earth Chefdenker Jon Schaffer war immer schon ein großer Fan von Steve Harris und Co.
Iced Earth anno 2011 können sich (wieder) sehen und vor allen Dingen hören lassen. Mit gut 70-80% wirklich gelungenen Songs zeigt die Kurve wieder steil nach oben. Neuerwerbung Stu Block ist zudem stimmlich eine gute Mischung aus seinen beiden Vorgängern Barlow und Owens. Wenn Glücksgöttin Fortuna etwas mitspielt, wird ihm wohl mehr Akzeptanz als dem ewigen Jolly Joker Ripper angedeihen, diese Entwicklung wird sich vor allem live zeigen. Für die, die eine Art Ranking in der IE Diskographie haben wollen: "Dystopia" ist meiner Meinung nach das stärkste Album seit "Horrorshow", also seit einer ganzen Dekade (!). Das neue Werk gibt es übrigens als Standard CD, als Digipack Edition sowie in Form einer streng limitierten Sammlerbox.