Nach den letzten eher schwachen Alben und dem erneuten Ausstieg von Ausnahmesänger Matt Barlow schien das Ende der Power-Metal-Institution Iced Earth nah. Dass es mit dem 2011er-Werk "Dystopia" ganz anders kommt, haben wohl nicht viele erwartet. Die Amerikaner legen erstmals seit "Something Wicked This Way Comes" (1998) wieder eine Platte vor, die (fast) rundum zu überzeugen weiß.
Ein Sängerwechsel ist ja immer ein kritischer Punkt in der Laufbahn einer Band, ganz besonders im Heavy Metal, wo die Fans für ihre oft konservative Haltung bekannt sind. Iced Earth-Mastermind und Ober-Exzentriker Jon Schaffer hat mit Stu Block glücklicherweise einen Frontmann rekrutiert, der bestens zur Band passt. Blocks Organ klingt nämlich wie das perfekte "Missing Link" seiner unmittelbaren Vorgänger: An Matt Barlow erinnert die normale Singstimme, an Tim "Ripper" Owens sind die hohen Schreie angelehnt. Diese Mischung ergibt im Endeffekt eine hervorragende Gesangsleistung, lediglich die balladesken Lagen meistert der Neue nicht ganz so ergreifend wie Barlow.
Der zweite Pluspunkt auf "Dystopia" ist das im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit stark verbesserte Songwriting. Endlich gibt es sie wieder, die Hymnen, die eingängig und kraftvoll aus den Boxen tönen und die weitgehend frei von den - nennen wir es mal - gewöhnungsbedürftigen politischen Ansichten des Bandgründers sind. Das liegt wohl auch daran, dass die Texte mit zwei Ausnahmen von Stu Block zumindest mitverfasst wurden. Die Musik selbst wurde praktisch im Alleingang von Schaffer komponiert, aber auch hier hat sich der Gitarrist am Riemen gerissen und trotz des typischen Riff-Stakkatos für Abwechslung gesorgt.
In zwei Songs, nämlich dem Opener und Titeltrack "Dystopia" und dem finalen "Tragedy And Triumph" wird die "Something Wicked Saga" weitergesponnen. Ob und wie das gelungen ist, wage ich nicht zu beurteilen, ich empfinde die Geschichte eher als mühsam und kann deshalb seit einiger Zeit nicht mehr folgen. Abseits davon gehören aber beide Stücke musikalisch zum Besten, was es in Jon Schaffers großer Story zu hören gibt. Vor allem "Dystopia" ist eine Hymne, die sich nach einigen Durchläufen im Gehörgang festsetzt und nur schwer wieder loszuwerden ist. Dem stehen aber das passend betitelte "Anthem", das noch ein wenig eingängiger ist und das an "V wie Vendetta" angelehnte "V" mit extrem gutem Refrain nichts nach. "Boiling Point" und "Days Of Rage" sind zwei für Iced Earth-Verhältnisse relativ harte, kurze Nummern, die gut gelungen sind. Ersteres ist dabei eher die eingängige Variante, während "Days Of Rage" abgehackt und fast schon Pantera-mäßig aus den Boxen kommt. Als Gegenteil dieser beiden Härtepole gibt es mit "Anguish Of Youth" und "End Of Innocence" zwei Band-typische Halbballaden zu hören, von denen "End Of Innocence" die stärkere ist, aber auch nicht ganz an die Klassiker dieser Kategorie heranreicht. Mit "Dark City" ist schließlich noch ein Song an Bord, der - wie oft bei Iced Earth - sehr vielschichtig ist und gekonnt mit der Laut/Leise-Dynamik spielt. Einziges Stück, das so gar nicht zünden will und das Qualitätsniveau nicht halten kann, ist das fade "Equilibrium".
Dass es für die Höchstwertung nicht ganz reicht, liegt trotz dieses Ausrutschers aber lediglich daran, dass ein Überhit vom Schlage eines "Slave To The Dark" oder "Watching Over Me" fehlt. Ob beispielsweise "Anthem" in Zukunft eine ähnliche Rolle einnehmen kann, muss die Zeit zeigen. Gute vier Sterne für ein unerwartet starkes Album.