Auch wenn Dvoraks Neunte fast schon eine Art Gassenhauer geworden ist; fast jeder kennt sie: Eine gelungene Einspielung erkennt man daran, dass man ein Werk neu hört. Und hier, in dieser Einspielung von Rafael Kubelik mit den Berliner Philharmonikern von 1972, hört man sie, als hätte einem der liebe Gott ein paar neue Ohren an den Kopf gesteckt.
Zur Erinnerung: In seiner Neunten Symphonie verbindet Antonin Dvorak Themen, die er der böhmischen Folklore nachempfunden hat, mit Themen, in denen er seine musikalischen Eindrücke von einer USA-Reise verarbeitet. Slawisches Rhythmusgefühl trifft hier auf indianische Pentatonik, und dazwischen tritt immer wieder die Musik gewordene Silhouette von New York; jedenfalls mir kommt diese grandiose Fanfare so vor (Ich meine das Thema, das in der Mitte des ersten Satzes zum ersten Mal aufbraust und ganz am Ende für eine furiose Schlusskadenz sorgt).
Kubelik widersteht der Versuchung, Dvoraks Musik auch noch die Sporen zu geben, wie das einigen namhaften Dirigenten bei dieser Symphonie passiert ist. Er dirigiert die Berliner Philharmoniker fast schon preußisch-diszipliniert und lässt doch hinreichend Spielraum für den eigensinnigen Geist, den diese Komposition atmet -- besonders eindrücklich zeigt sich das bei den Schlusskadenzen der einzelnen Sätze, aber nicht nur dort. Hinreißend sind immer wieder jene Passagen, wo strenger puritanisch-amerikanischer Takt auf böhmisch-tänzerischen Schwung trifft und sich daraus tatsächlich wunderbare Harmonie ergibt, und federleicht klingen die Anleihen aus der böhmischen Folklore ebenso wie jene Passagen, in denen Dvoraks indianische Themen variiert. Sie kontrastieren zum Hinschmelzen schön mit dynamischen Passagen; soviel Temperament hätte man einem Berliner Orchester, und sei es noch so berühmt, gar nicht zugetraut ;-) Schmelzende Septim- und Nonakkorde wie z.B. anfangs des Largos im zweiten Satz sind bei Dvorak nie Schlafmittel-Ersatz (bei Wagner kommt mir das nämlich immer so vor... Sorry), sondern spannender Auftakt zu neuen Themen und Variationen. Gerade diese langsamen Passagen arbeitet Kubelik bis ins letzte Detail aus, glasklar, ohne dass die Aufnahme deswegen pedantisch wirken würde.
Im Gegenteil: Gerade der insgesamt eher ruhige zweite Satz wäre schon allein das Anhören dieser Aufnahme wert; ein Filetstück der Romantik.
Eine Synthese aus Böhmerwald und einsamer amerikanischer Prärie sozusagen.
Diese CD enthält neben Dvoraks Neunter auch noch die weniger bekannte Achte -- wer also die alte LP durch eine CD ersetzen möchte, ist mit der Anschaffung dieser CD doppelt gut beraten, denn auch wenn Dvoraks Achte nicht so hinreißend ist wie "Aus der Neuen Welt": Man hört sie gern, jedenfalls in dieser Einspielung.
Mein Eindruck: So einfühlsam kann wohl nur ein Tscheche Dvorak dirigieren.