Auch ich brauchte ein paar Durchläufe, um dieses Album richtig geil zu finden, auch aus dem Grunde, weil Dani Filth sich manchmal derart die Stimmbänder blutig kreischt, dass man ihn ohne Booklet so gut wie nie verstehen kann. Wenn man sich allerdings nur auf die mächtige Musik einlassen will und sich abends mit Kopfhörern vor seine Anlage setzt, die Augen schließt und sich von den Songs treiben lassen will, hat man keine großen Probleme.
Der Gesamtsound des vorliegenden Albums ist etwas dumpfer als die Nachfolgeralben (aber etwas polierter als bei den Vorgängern) und die Drums sind wohl etwas weniger getriggert als bei den späteren Werken mit Adrian Erlandsson - dadurch kommt eine etwas mystischere Stimmung auf (trotzdem ist und bleibt mein Cradle-Favorit "Midian").
"Dusk And Her Embrace" startet nach dem Intro mit "Heaven Torn Asunder", das für mich den schwächsten Songs des Albums stellt - obwohl die Bassline am Anfang und Ende ziemlich cool klingen; trotzdem kann mich der Song irgendwie nicht vollends überzeugen, er ist einfach etwas langwierig, es passiert zu wenig. Ähnlich empfinde ich das übrigens auch bei "Cruelty And The Beast", wo der Opener "Thirteen Autumns And A Widow" für mich auch der schwächste Song des Albums ist.
Danach aber geht es richtig los: das mächtige, melancholische "Funeral In Carpathia", das mit einigen coolen Breaks und vereinzelt eingestreuten Gitarrensoli aufwartet, dann folgt mit dem epischen, großartigen "A Gothic Romance - Red Roses For The Devil's Whore" (den Titel muss man sich schon allein mal auf der Zunge zergehen lassen), das längste Stück der CD und gleichzeitig eines der besten.
Auf dem Digipack schließt sich nun das sehr düstere, heftige "Nocturnal Supremacy" an, das man ja schon von der "VEmpire"-Scheibe kennt. Natürlich kann man sich an dieser Stelle wieder einmal fragen, ob es wirklich nötig ist, jeden Song wieder neu und in einer anderen Version einzuspielen oder nicht, wie Cradle das ja öfters tun, aber die neue Version des Songs ist natürlich nicht schlecht und das Stück fügt sich gut in das Gesamtkonzept des Albums ein.
"Malice Through The Looking Glass" danach mutet mit seinen wunderschönen Gothic-Voices und den fließenden Gitarrenharmonien zum Ende richtig romantisch an und ist insgesamt etwas langsamer gehalten als die anderen Songs des Albums.
Und dann kommt natürlich das absolute Highlight: der an Genialität nicht zu überbietende Titeltrack. Der Song ist wirklich der absolute Oberhammer, irrwitzige Breaks, Blastbeat-Passagen, ruhige Stellen, wo nur Orgel, Frauengesang und Geflüster ertönt - hier ist alles am Start und man fragt sich wieder mal: wie kann man so was schreiben? - Einer der besten Cradle-Songs überhaupt - vielleicht sogar der beste.
Nach diesem Wahnsinns-Track kommt so ein ruhiges, sehr schönes Zwischenstück wie "The Graveyard By Moonlight" (das besser als das Intro ist, wie ich finde) gerade richtig, bevor es zu den letzten beiden Titeln "Beauty Slept In Sodom", das ruhig mit einem Cembalo-Intro anfängt, um sich dann immer mehr zu steigern (auch ein sehr geiler Song), und dem brutalen, schnellen, aber trotzdem immer noch irgendwo melodischen "Haunted Shores" kommt.
Insgesamt ist natürlich auch "Dusk And Her Embrace" ein Meisterwerk aus dem Hause Cradle. Nicholas Barkers komplexes Drumming ist einfach unglaublich (auch mir gefällt es viel besser als auf "Cruelty And The Beast"), man wird nicht müde, das immer wieder zu erwähnen.
Das Ganze ist extrem düster, vielleicht das düsterste Cradle-Werk und ich komme nicht umhin, wieder einmal lobend hervorzuheben, wie geil es Cradle einfach verstehen zu arrangieren. Keiner versteht es so wie die Engländer, derartig perfekte Arrangements - mit Gothic-Voices und Frauenstimmen als atmosphärische Unterstützung immer genau an den richtigen Stellen eingesetzt und fettem, beeindruckendem Gesamtsound - aus dem Hut zu zaubern!
Ach, was bin ich froh, diese Band für mich entdeckt zu haben, nachdem ich anfangs immer noch dachte: Was ist das denn für ein Krach?...