Lyriker nehmen in der Literaturszene eines Landes gewöhnlich eine Sonderstellung ein: zwar werden sie nur von wenigen gelesen, aber da sie so selten sind (ausgezeichnete Lyriker sind noch seltener) und nur in geringen Seitenzahlen Neues veröffentlichen, haben sie mehr Gewicht. Jede ihrer Äußerungen wird auf die Goldwaage gelegt, sie sind die Seismographen des geistig-kulturellen Zustandes einer Gesellschaft.
Lyriker werden von ihren Lesern auch anders rezipiert als Prosaiker. Lyriker sind die Hohenpriester der Literatur, ihre Werke werden, wie uns das Beispiel Stefan Georges oder Rainer Maria Rilkes zeigt, wie Offenbarungen aus einer höheren Sphäre wahrgenommen. So nimmt es nicht Wunder, daß man sich nicht mehr nur mit dem Werk begnügen will, sondern auch die Person des Dichters selbst in den Mittelpunkt des Interesses rückt.
Dieses Buch ist das Ergebnis eines solchen Vorgangs. Durs Grünbein wird zu den Voraussetzungen seines Schaffens befragt, zum Zusammenhang von Dichtung und Bildender Kunst, zu ästhetischen Prägungen und persönlicher Vergangenheit. Die Antworten sind bravourös, aus jeder von ihnen hört man den bedeutenden Dichter sprechen. Durs Grünbein kennt die große Tradition hoher Dichtung, und er reiht sich in diese Tradition ein, nicht aus eigenem Streben, sondern aus Verdienst. Hier spricht einer, der auf gutem Boden gewachsen ist und sich festen Stand erarbeitet hat.
Dabei besticht immer wieder die persönliche Integrität und Bescheidenheit Grünbeins, etwa als er sein Scheitern bei der Lektüre Hegels eingesteht oder seine Anpassungsfähigkeit bei Reisen in fremde Kulturen auf Grenzen stößt. Fragen, die man selbst gern gestellt hätte, weil sie sich bei der Lektüre Grünbeins einfach ergeben, werden auf die eine oder andere Weise nicht ausgelassen, etwa das besondere Verhältnis Grünbeins zu Vergänglichkeit und Tod oder zur Gehirnforschung.
Durs Grünbein macht sich nicht in den Medien laut, und auch in der Welt der Bücher ist seine Stimme nicht oft zu vernehmen. Wer etwas über ihn erfahren will, der kommt an diesem Buch nicht vorbei.(2ve)