Fantasywelten mit rudimentären technischen Errungenschaften, meist in einer fernen Zukunft und oft jenseits des Raumfahrtzeitalters - solche Erzählungen wurden eine zeitlang als Science Fantasy bezeichnet; und kaum einer beherrscht dieses Metier so wie Jack Vance.
Der Planet Durdane, hinter dem Sternhaufen Skiafarilla, wurde vor etwa 9.000 Jahren von Menschen besiedelt, die Raumschiffe vor langer Zeit im Meer versenkt. Da Metalle extrem selten sind, basieren Wirtschaft und Kultur überwiegend auf Glas und Holz. Transportmittel sind von Ochsen und "Pacern" gezogene Karren, und für weitere Entfernungen verbindet ein Netz von Ballonwegen die 62 Kantone des Kontinents Shant: am Boden verlaufende Einschienenstränge, auf denen Radwagen entlang schnurren; an den Wagen hängen Ballons, die von den Windwächtern geschickt in die verschiedenen Luftströmungen gesteuert werden. Oberster Herrscher von Shant ist der "Anome", der Mann ohne Gesicht, den niemand kennt oder je gesehen hat. Instrument seiner Herrschaft sind die Halsringe, die jeder Erwachsene trägt und die durch einen Funkbefehl zur Explosion gebracht werden können. Der Anome ist aber kein Tyrann, sondern beschränkt sich im wesentlichen darauf, Übertretungen der Kantonsgesetze zu ahnden, Petitionen der Bürger zu beantworten und in Streitfällen Schiedssprüche zu fällen.
Erster Teil - Der Mann ohne Gesicht: Der Junge Mur wächst bei seiner Mutter Eathre im Rhododendronweg (der Freudenmeile) unterhalb des Tempels von Bashon auf. Als das entsprechende Alter naht, unterzieht er sich unwillig den Ritualen, die ihn zuerst zu einem "Reinen Jungen" und dann zu einem Ordensmitglied der Chiliten machen sollen. Lieber wäre er bei seiner Mutter und würde Musiker werden. Schnell gerät er mit den Regeln des Ordens in Konflikt und beschließt zu fliehen. Den Häschern der Chiliten entkommen, arbeitet er einige Zeit an einer Station des Ballonwegs und findet schließlich eine Musikertruppe, die ihn aufnimmt. Er spart jeden Florin, um eines Tages seine Mutter frei zu kaufen. Währenddessen dringen die Rogushkoi, eine wilde Barbarenrasse aus den südlichen Sümpfen, auf ihren Raubzügen von Jahr zu Jahr tiefer ins Landesinnere vor, bis sie auch den Tempel von Bashon plündern... und Mur, der sich als Erwachsener den Namen Gastel Etzwane gibt, beginnt zu hinterfragen, warum der Anome nichts unternimmt, um sein Volk zu schützen.
Einzigartig, wie der Leser zusammen mit Mur in die fremdartige und phantasievoll ausgestaltete Welt von Durdane hineinwächst. Mitfiebern fällt besonders leicht, weil der Leser zu keinem Zeitpunkt mehr weiß als der Held - aber umgekehrt auch nicht! Nur die technischen Vorgänge an der Ballonstation sind etwas holprig beschrieben, trotzdem klare 5 Sterne.
Im zweiten Teil, Der Kampf um Durdane, widmet sich Gastel Etzwane mit voller Tatkraft seiner selbstgestellten Aufgabe, die Verteidigung der Kantone von Shant gegen die wilden Horden der Rogushkoi zu organisieren. Dabei stellt er bald fest, dass er nichts dringender braucht als verlässliche Mitarbeiter und Helfer - nur: Wem kann er vertrauen? Seit Hunderten von Jahren haben die Einwohner von Shant verlernt, zu kämpfen; es gab so gut wie keinen technischen Fortschritt mehr. Die Unterwerfung unter die Halsringe und die Macht des Anome sorgte zwar für ein weitgehend friedliches Mit- und Nebeneinander, brachte aber Findigkeit und Eigeninitiative völlig zum Erliegen. Ein neues Regierungssystem muss her!
Kurzweilig schildert Jack Vance die Schwierigkeiten, die sich Etzwane in den Weg stellen, und ob und wie er sie meistert. Der exotische Flair der Welt gerät dabei ein wenig ins Hintertreffen, zu schnell muss sich der Protagonist mit den verschiedensten Aufgaben plagen. Mit der Frage, wer den Rogushkoi die militärischen Pläne zuspielt, bekommt der actionreiche Roman einen kriminalistischen Touch. Wahrhaft atemberaubend ist allerdings, wie Gastel Etzwane im Handstreich ein neues, quasi-demokratisches Regierungssystem mit zwei Kammern ausarbeitet: nur ganz knapp 5 Sterne.
Die Asutra: Im dritten und letzten Teil geht es nun gegen die Hintermänner der Rogushkoi-Invasion. Der Roman beginnt recht zäh und überaus konventionell; Gastel Etzwane und der rätselhafte Kaufmann Ifness machen sich auf den Weg zum Nachbarkontinent Caraz, von wo Meldungen über weitere Kämpfe mit Rogushkoi stammen. Sie kommen auf die Spur einer Bande von Sklavenhändlern und finden ein abgestürztes Raumschiff, doch dies ist erst der Beginn eines Abenteuers, das Etzwane weit von Durdane fort führt. - Wie sich Etzwane auf dem fremden Planeten Kahei behauptet, ist durchaus spannend geschrieben, kann sich aber in keiner Weise mit den Vorgängerbänden messen. Bei der Schilderung von Kahei lässt Jack Vance die gewohnte Fülle phantastischer Details missen, und obwohl alle bislang noch offenen Fragen um Durdane und die Rogushkoi abschließend beantwortet werden, bleibt der gesamte Hintergrund über den Krieg der Ka und Asutra dunkel und nebulös. Immerhin enden Etzwanes Abenteuer mit einer blendenden Pointe... sagen wir: 3 Sterne.