"Durch stürmische Zeiten" ist ein Roman, der ein Kapitel der australischen Geschichte aufgreift, dem sich zuvor bereits andere sehr autentisch gewidmet haben, wie Colleen McCullough in "Insel der Verlorenen", die mit einem ihrer Vorfahren ebenfalls eine "wahre" Person in den Mittelpunkt des Geschehens rückte, und das sehr überzeugend. Wer diesen Roman bereits kennt, wird hier geschichtlich betrachtet nicht viel Neues erfahren; dennoch lohnt es sich, ihn zu lesen, zumal die Sache hier aus weiblicher Sicht betrachtet wird.
Mary ist eine äußerst sympathische Heldin, frech, gewitzt, optimistisch und völlig furchtlos, und es ist eine wahre Wohltat, dass man vergeblich nach selbstmitleidigem, theatralischem Geheule über das arme schwache Geschlecht sucht, wie andere Autorinnen das so gerne zelebrieren. Mary packt ihr Leben an, wie es kommt, lässt sich nicht unterkriegen, wird aber auch nicht von hysterischer Renitenz befallen, sondern findet sich fatalistisch mit ihrem Schicksal ab. Sie verlernt nie die Dankbarkeit für jeden Tag, den sie in der Sonne verbringen darf, ohne dabei je demütig und rührselig zu werden, und bleibt bei all ihrem Elend menschlich und fair. Somit steht hier eine starke Persönlichkeit im Vordergrund, die man einfach mögen muss.
Nach der Hälfte des Buches entsteht jedoch ein Knick in der Qualität. Pearse ist zu sehr damit verhaftet, ihrer Bewunderung für Mary Ausdruck zu verleihen, als dass sie ihr auch negative Züge unterstellen würde. Einer davon ist zweifellos, dass sie mit dem Kopf durch die Wand rennt, ohne nachzudenken, dass sie mit einer gewissen Skrupellosigkeit Menschen für ihre eigenen Zwecke missbraucht und dass es ihr relativ gleich ist, ob jemand für ihre Wünsche ins Unglück gestürzt wird, wie etwa ihr naiver Ehemann, der von ihr manipuliert wird. Es hat mich beim Lesen gestört, wie sehr das alles beschönigt wurde. Vielleicht hat Pearse gefürchtet, man könne Mary nicht mehr mögen, wenn man ihr eine schwache, schlechte Seite zugesteht, aber ich finde, dadurch währe sie nur realistischer und somit noch interessanter geworden. So steht sie als fleckenlose Heldin da, und so etwas gibt es nun einmal nicht und ist leider wieder einmal typisch für das Genre "Frauenroman", was mich dann zu einem Stern Abzug bewogen hat.
Einen weiteren kostet es, dass der Roman in vielerlei Hinsicht zu knapp ist. Es fehlen einfach viele Dinge, Kleinigkeiten nur, die aber dennoch ins Gewicht fallen. Wie gelingt es Mary beispielsweise unter diesen unmöglichen hygienischen Umständen, ihr Baby zu pflegen? Beschafft sie Windeln, oder lässt sie es einfach ungewickelt? Man kann es sich denken, und es ist vielleicht nur eine Banalität, aber das Buch ist einfach zu wenig detailliert. Leiden Marys Zähne unter den Entbehrungen? Wie genest Will schließlich von seiner Auspeitschung? Wie lebt Mary damit, ihre einzige Freundin zu verlieren? Man erfährt so wenig über den Alltag der Menschen, vieles ist eine bloße Aufzählung von Fakten. So ist dann letztendlich auch Marys Flucht nicht schlüssig, zu einem Zeitpunkt, an dem es gerade beginnt, bergauf für sie zu gehen. Dass sie alles zerstört, was sie zu erreichen begonnen hat, und sei es noch so wenig, nur um einem wilden Traum nachzujagen, war etwas, womit ich mich nicht mehr identifizieren konnte. Es gibt dann noch so etwas wie ein Happy End, aber der Preis dafür ist so hoch, dass von "happy" keine Rede mehr sein kann.
Schade, dass zu oft ihr Mut und ihre Intelligenz betont werden, die sie ganz zweifellos hat, die aber sicher nicht der Grund für ihre irrwitzige Flucht sind, die schließlich ins unweigerliche Verderben führt. Vielmehr scheint es, als hätten sie letzendlich doch die Vernunft und die Stärke verlassen, und nur blanker Trotz und die pure Wut aufs Schicksal scheinen sie zu diesem Schritt getrieben haben, aus dem am Ende nur durch Glück noch Gutes herauskommt, und längst nicht für alle Beteiligten ...
Die Verzweiflung spricht aus der zweiten Hälfte des Romans, aber leider hält Pearse die Flagge des Heroismus' hoch, was dann bei aller Historientreue für Unglaubwürdigkeit sorgt. Schade!
Dennoch ist das Buch sehr fesselnd und menschlich berührend zu lesen, bietet einen ebenso großartigen wie erschütternden Einblick in die Geschichte Australiens und ist somit trotz seiner Mängel sehr empfehlenswert!