Warlam Schalamow ist neben Alexander Solschenizyn der bedeutendste Schriftsteller des GULAG. Aber Schalamow schreibt anders als Solschenizyn. Er versucht sich nicht an einem Gesamtbild des sowjetischen Lagersystems. Er ignoriert seine Geschichte. Er erklärt nichts und er moralisiert nicht. Ganz unmerklich tauchen seine Geschichten den Leser in die fremde Welt ein, Schritt für Schritt, bis der GESCHMACK des Lagers spürbar wird. Dann ist alles vorbei, und es bleibt dem Leser überlassen, sich einen Reim auf das Geschehen zu machen.
Der erste Band der deutschsprachigen Werkausgabe enthält 33 in sich abgeschlossene Erzählungen, die allesamt in der Kolyma-Region, dem physischen wie emotionalen Kältepol des Archipels spielen, bei alltäglichen Begebenheiten anfangen, langsam in die Tiefe dringen und oft einen Punkt erreichen, wo dem Leser das Lager fast physisch präsent erscheint, weil er die Geisteshaltung seiner Einwohner zu verstehen beginnt.
Einige von ihnen enthalten auch anthropologische Betrachtungen, die einzige Abweichung, die Schalamow sich beim Schreiben gestattet hat. Im Zusammenhang gelesen, können sie als Essenz seiner Lagererfahrung verstanden werden.
Das erste, was der Häftling im Lager erkenne, sei die außerordentliche Fragilität der Zivilisation. "Der Mensch wurde innerhalb von drei Wochen zur Bestie - unter Schwerarbeit, Kälte, Hunger und Schlägen" (S. 289).
Nicht Empörung oder Wut sei das Resultat solcher Bedingungen, sondern Versteinerung. Das Lager reduziere den Menschen auf eine pflanzliche, fast anorganische Form der Existenz. "Der Frost, derselbe, der die Spucke in der Luft gefrieren ließ, ergriff auch die menschliche Seele. Wenn die Knochen einfrieren konnten, konnte auch das Hirn einfrieren und stumpf werden, konnte auch die Seele einfrieren" (S. 24).
Ein Indikator dieser geistigen Erstarrung sei das Vokabular der Häftlinge. "Meine Sprache, die grobe Grubensprache, war arm ... Wecken, Ausrücken, Mittagessen, Feierabend, Zapfenstreich, Bürger Natschalnik, darf ich sprechen, Schaufel, Schürfgrube, zu Befehl, Bohrstange, Hacke, draußen ist es kalt, Regen, die Suppe ist kalt, die Suppe ist heiß, Brot, Ration, lass mir was zu rauchen - mit zwei Dutzend Wörtern kam ich schon seit Jahren aus. Die Hälfte dieser Wörter waren Flüche. ... Doch ich suchte nicht nach anderen Worten. Ich war glücklich, nicht nach irgendwelchen anderen Worten suchen zu müssen. Ob diese anderen Worte existierten, wusste ich nicht. Diese Frage konnte ich nicht beantworten" (Linkes Ufer. Erzählungen aus Kolyma 2, S. 291).
Wie das Denken lasse das Lager auch die Gefühle abstumpfen. "Alle menschlichen Gefühle und Regungen - Liebe, Freundschaft, Neid, Menschenfreundlichkeit, Barmherzigkeit, Ruhmsucht, Ehrlichkeit - hatten uns verlassen mit dem Fleisch, das wir während unseres anhaltenden Hungerns verloren hatten. In der geringen Muskelschicht, die wir noch auf den Knochen hatten,... hatte nur Erbitterung Platz - das langlebigste menschliche Gefühl" (S. 53). "Wir verstanden, dass der Tod kein bisschen schlimmer war als das Leben, und fürchteten weder das eine noch das andere. Eine große Gleichgültigkeit beherrschte uns" (S. 55).
Zwei Dinge, die für freie Menschen selbstverständlich seien, hätten im Lager keinen Platz: Der Gedanke an die Zukunft und Hoffnung. Wer im Lager länger als einen Tag vorausplane oder Hoffnung habe, sei ein Dummkopf. "Der Mensch lebt nicht, weil er an etwas glaubt, weil er auf etwas hofft. Der Lebensinstinkt bewahrt ihn, wie er jedes Tier bewahrt. Und auch jeder Baum, jeder Stein könnte dasselbe sagen" (S. 180).
Freundschaft, das zeige das Lager, sei ein Luxus, der günstige Lebensverhältnisse voraussetze. Je extremer das Elend, desto mehr vereinsame der Mensch. "Freundschaft entsteht weder in der Not noch im Unglück. Jene 'schwierigen' Lebensverhältnisse, die, wie uns die Märchen der schönen Literatur erzählen, unbedingte Voraussetzung für das Entstehen von Freundschaft sind, sind einfach zu wenig schwierig. Wenn Unglück und Not zusammenschweißen und Freundschaft zwischen Menschen entstehen lassen - dann heißt das, die Not ist nicht extrem und das Unglück nicht groß. Das Leid ist zu wenig heftig oder tief, wenn man es mit Freunden teilen kann. In wirklicher Not zeigt sich nur die eigene seelische und körperliche Kraft ..." (S. 67).
Das Lager demonstriere, was der Mensch den Tieren wirklich voraus habe. Weder Seele noch Intelligenz noch handwerkliche Geschicklichkeit. "Die Pferde unterschieden sich in nichts von den Menschen. Sie starben am Norden, an der die Kräfte übersteigenden Arbeit, der schlechten Kost und den Schlägen, und obwohl sie von all dem tausendmal weniger abbekamen als die Menschen, starben sie vor den Menschen. Und ich verstand das Wichtigste, dass der Mensch nicht darum zum Menschen geworden ist, weil er Gottes Geschöpf ist, und auch nicht, weil er an jeder Hand einen bemerkenswerten Daumen hat. Sondern weil er physisch kräftiger und zäher war als alle Tiere ..." (S. 41).
Von dem zähesten aller Tiere gebe zwei Arten. "Ich habe erkannt, dass man die Welt nicht in gute und schlechte Menschen einteilen muss, sondern in Feiglinge und Nichtfeiglinge. Die 95% der Feiglinge sind bei geringer Gefährdung zu jeder Gemeinheit bereit, zu tödlicher Gemeinheit" (S. 292).
Wo moralisches Verhalten gefährlich sei, hätten Feiglinge keine Aussicht anständig zu bleiben, zumal es im Lager "vernünftig" erscheine, dem Vorbild der Kriminellen zu folgen. Infolgedessen gingen die meisten Menschen dort nicht nur körperlich, sondern auch charakterlich zugrunde. "Die Lagererfahrung ist vollständig negativ, bis auf den letzten Moment. Der Mensch wird nur schlechter" (Künstler der Schaufel. Erzählungen aus Kolyma 3, S. 102). "Das Lager war eine große Prüfung der moralischen Kräfte des Menschen, der gewöhnlichen menschlichen Moral, und neunundneunzig Prozent der Menschen bestanden diese Prüfung nicht" (Künstler der Schaufel, S. 104).
Lediglich ein Menschenschlag hebt sich nach Schalamows Beobachtungen konstant aus der Masse der Lagerbevölkerung heraus. "Ich habe gesehen, dass die einzige Gruppe von Menschen, die sich auch nur ein wenig menschlich benahm trotz Hunger und Verhöhnungen - die Religiösen sind, die Sektenmitglieder, und zwar fast alle, sowie ein großer Teil der Popen" (S. 290). "In jener Areligiosität, in der ich mein ganzes bewusstes Leben verbracht hatte, war ich nicht zum Christen geworden. Aber ehrenwertere Menschen als die Religösen habe ich in den Lagern nicht gesehen. Die Zerstörung griff alle Seelen an, und nur die Religiösen hielten stand" (Künstler der Schaufel, S. 165).
Es hat lange gedauert, bis Warlam Schalamow übersetzt wurde. Vielleicht wird seine Wirkung umso anhaltender sein.