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Sven Lindqvists Spurenreise in das «Herz der Finsternis»
In der Leere der Wüste gedeihen Phantasmagorien. Die Hitze gebiert Tagträume, erweckt Erinnerungen an die Urszenen der Kindheit: die Scham vor dem prügelnden Vater, das kracksende Geräusch eines eingeschlagenen Kehlkopfs, die Peitsche aus ungegerbter Flusspferdhaut, blutende Striemen, Gekreuzigte, die mit aufgeschlitzten Leibern an Balken hängen.
Joseph Conrad
Es sind Bilder wie diese, welche sich während der Lektüre von Sven Lindqvists historischer Spurenreise einprägen. Trugbilder des träumenden Bewusstseins, die überblendet werden von Schilderungen aus der Gewaltgeschichte des Kolonialismus. Ausgerüstet mit einem Laptop und hundert Disketten, durchquert der Erzähler die algerische Wüste, um einen einzigen Satz aus Joseph Conrads «Herz der Finsternis» zu verstehen. «Rottet all diese Bestien aus», so lautete das mit unsicherer Hand hingekritzelte Postskriptum, das der gottgleiche Agent und Menschenschlächter Kurtz seinem Bericht an die Handelsgesellschaft beigefügt hatte. Es war der Leitsatz der Barbarei, die der europäische Imperialismus über Afrika brachte im Namen der Zivilisation, der Nation und des Fortschritts.
Die literaturhistorische Recherche führt Lindqvist geradewegs zu den Ereignissen und Ideen, die Conrads Zeitgenossen bewegten. Als der noch ahnungslose polnische Kapitän im Frühjahr 1890 nach Kongo aufbrach, feierte Europa gerade die Rückkehr Stanleys, der im Dschungel Berge von Toten hinterlassen hatte. Und kurz bevor sich Conrad im Dezember 1898 an die Niederschrift seiner berühmten Novelle machte, kehrte ein zweiter Heros des Kolonialismus zurück. Kitchener hatte im Sudan gerade Zehntausende rebellischer Derwische in der Schlacht von Omdurman zusammenschiessen lassen, ohne dass ein einziger Aufständischer einen britischen Soldaten vor seine alte Muskete bekommen hätte. Kanonenboote und Schnellfeuergewehre waren die Werkzeuge der Massenvernichtung in der Waldwüste von Kongo, im Königreich Benin, in den deutschen Kolonien Ost- und Südafrikas. «Wir nähern uns ihnen mit der Macht der Götter», notiert Kurtz in seinem Bericht an die Handelsgesellschaft. Er meint nichts anderes als diese Waffen. Sie verkörpern die Allmacht der weissen «Kanonengötter».
Lindqvist berichtet nicht nur von der Koinzidenz der Ereignisse, die dem Romancier Conrad die literarischen Motive geliefert haben. Er erzählt auch die Geschichte der Ideen, welche dem Imperialismus geistige Triebkraft verliehen. Die Skandalchronik begann mit Cuviers Entdeckung der ausgestorbenen Kreaturen, die den Katastrophen der Naturgeschichte zum Opfer gefallen waren. Der englische Geologe Charles Lyell, der Cuvier 1829 in seinem Studierzimmer aufsuchte, verkündete in seinen vielgelesenen «Prinzipien der Geologie» das Menschenrecht, ohne Schuldgefühl andere Gattungen auszulöschen. Und sein Schüler Charles Darwin, der gerade in Patagonien weilte, als man die indianischen Ureinwohner abschlachtete, sah in dem Gemetzel jenen unausweichlichen «Überlebenskampf» am Werke, der die Evolution vorantrieb. An die Theorien der seriösen Wissenschaft konnten die Propagandisten der Rassenkunde und Eugenik wie Robert Knox, Francis Galton oder Benjamin Kidd nahezu bruchlos anknüpfen. Die realen Völkermorde bestätigten nur die Vorstellung, es gebe auf der Erde seit alters Rassen und Stämme, deren Schicksal besiegelt sei.
Geschichte als Massenmord
Die Deutschen, bei der Aufteilung des Globus eine verspätete Nation, steuerten zu dieser Ideenwelt Friedrich Ratzels Lehre vom «Lebens-» und «Ernährungsraum» bei. Ratzel, Zoologe und Geograph, setzte den Überlebenskampf gleich mit einem «Kampf» gegen die «Raumnot». Der «Lebensraum» der «Kulturvölker» war der «Todesraum» der «Naturvölker». Das praktische Exempel lieferten deutsche Eroberer bereits 1904 im Südwesten Afrikas. Dort zeigten sie, dass sie den Amerikanern, Briten und Belgiern in nichts nachstanden. Sie sperrten die Hereros in Reservate und verteilten das Land unter den Kolonisten. Eingeborene, die man innerhalb des deutschen Gebiets aufgriff, wurden sofort erschossen. Die allermeisten Hereros trieb man jedoch hinaus in die Wüste und riegelte anschliessend die Grenze ab. Bei Beginn der Regenzeit fanden Patrouillen zahllose Skelette, die um metertiefe Löcher herum lagen. Mit blossen Händen hatten die Verdurstenden im Sand gegraben, in der Hoffnung, irgendwo auf Wasser zu stossen. Dem ersten Völkermord von deutscher Hand fielen etwa 80 000 Hereros zum Opfer. Einige tausend Überlebende sperrte man in Lager und zwang sie, sich zu Tode zu schuften.
Die Geschichte der europäischen Zivilisation ist auch eine Geschichte des Massenmords. Wer daran noch irgendwelche Zweifel haben sollte, dem sei Lindqvists riskanter und vortrefflicher Bericht seiner Expedition in die Vorgeschichte der Gegenwart dringend empfohlen.
Wolfgang Sofsky -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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