Die grauen Käfer der Geheimpolizei
Mona Yahia erzählt von einer jüdischen Kindheit in Bagdad
Von Uwe Stolzmann Das Grauen ist benannt. Jede kollektive Untat und jedes kollektiv erfahrene Leid in heutiger Zeit wird registriert, beschriftet und als Vorgang gleich mehrfach abgelegt: in Nachricht und Kommentar, in unserem Gedächtnis, in den Computern von Forschern, professionellen Helfern . . . Ein Stichwort genügt, um die Affäre wieder aufzurufen. Ah, Kosovo! Ah, Rwanda! Wann immer eine Gruppe über eine andere, schwächere herfällt, gibt es erst Schlagzeilen, dann den Lagerungsvermerk für das Archiv ungesühnter Frevel. Immer?
Von Existenz und Schicksal der jüdischen Minderheit im Irak wussten wenige. Wer mag, kann sich nun informieren. Bei einer Schriftstellerin. Mona Yahia, 1954 in Bagdad geboren, emigrierte samt Familie 1971 nach Israel, leistete ihren Militärdienst, studierte Klinische Psychologie, arbeitete als Psychologin in Tel Aviv. 1985 kam sie nach Deutschland. Bagdad, gerupfter Phönix «Durch Bagdad fliesst ein dunkler Strom» heisst ihr erster Roman auf Deutsch; der beklemmende Hintersinn des Originaltitels aus dem Jahr 2000 erklärt sich im Buch: «When the Grey Beetles took over Baghdad». Bagdad, schon wieder. Aber nicht die Zauberstadt aus 1001 Nacht und nicht die Festung des Tyrannen Saddam. Sondern Bagdad als Ort einer unbeschwerten Kindheit, voll von exotischen Geräuschen und Gerüchen, ein Wundergarten, der unverhofft zu Staub und Asche wurde. Wie dies geschah, wird hier ohne Hass berichtet; man findet die Umstände nicht gewertet, nur geschildert was eine Wertung einschliesst. Mona Yahia liefert eine halb fiktive Autobiographie, ein Lebensbild in Episoden. Geradlinig erzählt sie und durchweg unterhaltsam, mit Wehmut und Ironie aber nicht souverän. Nein: Hier offenbart sich keine moderne Scheherazade (wie der Verlag glauben machen will). Der Roman zeigt in Form und Stil viel Biedersinn und deutliche Schwachstellen. Zum Beispiel Häufungen von Hilfsverben. Zum Beispiel infantil gestelzte statt kindlich wirkender Dialoge.
Die Bandbreite mitreissender Geschichten kontrastiert deutlich mit dieser sprachlichen Unvollkommenheit. Andersherum: Nicht die Art des Erzählens macht das Buch zu einem (mitunter bitteren) Lesegenuss, sondern der pure Stoff, die Essenz an leicht konsumierbaren Fakten. (Um komplexe historische Abläufe darstellen zu können, hat die Autorin brav die Quellen ausgewertet; Danksagungen an die Verfasser von Standardwerken finden sich im Anhang des Romans.) Dazu die Fülle einprägsamer Bilder. Bagdad nach zahllosen Kriegen, Putschen, Invasionen: «ein jämmerlicher Phönix, belastet mit einem legendären Namen, dem er nie gerecht werden konnte». Ausschreitungen gegen die alteingesessene jüdische Minorität gibt es (in der Gegenwart) seit 1941. Zu Beginn der Fünfziger verlässt die Mehrheit der 100 000 Juden den Irak. Der Rest wird bis Anfang der Siebziger folgen; von eben diesem «Rest» handelt die Geschichte. Die Ich-Erzählerin Lina, Alter Ego der Autorin, erfährt von den Fluchtvorbereitungen der Eltern. Und so schaut die Sechzehnjährige (in einer langen Rückblende) auf das Mädchen, das sie war, und auf die Stadt, die sie formte. Lina war ein behütetes Kind gewesen, «Irakerin und sonst nichts»; aufgewachsen im abgeschotteten Universum der jüdischen Gemeinde, erzogen in einer speziellen Schule für 600 Mädchen und Knaben. «Höfe und Gebäude sind von Gärten umgeben, die ihrerseits hohe Mauern haben, um das unberechenbare Bagdad auszuschliessen.» Eiserne Regeln gelten, aber nur innerhalb der Festung. Draussen herrschen wechselnde Diktaturen, treibt der Mob hin und wieder einen «Verräter» oder eine Unbotmässige durch die Strassen. In Erinnerung bleiben: die Strömung beim Schwimmen im Tigris, Flirts im Englischen Club, der Geruch versengter Orangenschalen vom Herd, kurdischer Käse, die assyrische Kinderfrau liebliche Nichtigkeiten, das Aroma der Kindheit. «Mit dreizehn fängt die Oberschule an. Mit dreizehn bricht der Sechstagekrieg aus. Krieg mit Israel. Das Busradio läuft, schmettert nationalistische Lieder.» Zeitungen schreiben: «Bald werden unsere tapferen Soldaten den verhassten Juden das Herz aus der Brust reissen und in den Staub treten.» Dazu wird es nicht kommen.
Stattdessen (im Irak und in anderen arabischen Staaten): Repressionen gegen jüdische Mitbürger, Erniedrigungen ohne Ende. Allgegenwärtig sind in Bagdad die grauen VW Käfer der Geheimpolizei. Die Juden im Irak werden fortan wie Geiseln behandelt, wie Freiwild, zum Abschuss freigegeben. Und das Volk geht (wie bisweilen jedes Volk) gern auf die Jagd. Dies ist der grausige Höhepunkt des Buchs: 1968 wird eine Gruppe von siebzehn Irakern (darunter dreizehn Juden) angeklagt, für «Zionisten» und «Imperialisten» (sprich: Israel und CIA) spioniert zu haben. Es folgt ein Schauprozess nach sowjetischem Muster, inklusive der Geständnisse. Die «Spione» (darunter, im Roman, Bekannte von Lina) werden gefoltert, verstümmelt, dann öffentlich gehängt, die Leichen im Zentrum grosser Städte zur Schau gestellt. Jetzt tritt «das Volk» auf den Plan. Es ergötzt sich. Ein Klassenkamerad von Lina: «Die Menge hat unter den Gehängten getanzt, sie hin und her geschaukelt, mit Stöcken und Palmwedeln auf sie eingedroschen.» Niemandsland im Kopf Was für eine Geschichte, schrecklich und bunt im Grunde die Geschichte so mancher Minderheit in missgünstiger Umgebung. Zitat Lina: «Traue nie einem Moslem, nicht einmal im Grab, sagt ein jüdisches Sprichwort.» Das gilt bis heute auch umgekehrt. Und dies hat Lina/Mona in Bagdad ebenfalls begriffen: Es nutzt dem Aussenseiter wenig, sich zu ducken, ist seine Gruppe erst ins Visier rachsüchtiger Massen geraten. Wenn er auch Traditionen aufgibt, sich fernhält von Politik der Mob wird kommen. «Vater hat immer still gelitten, als würden Worte seine Wunden verschlimmern.» Die Widmung im Buch gilt den Eltern, «die mir Sprachen gaben statt Wurzeln». Ein Widerspruch?
Nur scheinbar. Sprache ist ein Leit-(Leid-)Thema der Autorin, die vier Idiome spricht, aber Englisch bevorzugt. «Die englische Sprache hat mich nie verletzt wie das Arabische und auch keinen Absolutheitsanspruch erhoben wie das Hebräische», erklärte sie. «Als eine fremde Sprache lässt sie mir die sichere Distanz zu meiner Welt ein Niemandsland in meinem Kopf.» Im Buch wird der Krieg um Sprache und Identität gekonnt illustriert: Der Teenager Lina beschliesst, die eigene Ohnmacht zu bekämpfen, indem sie das Arabische bekämpft, ihre Muttersprache. Erst entfernt sie das Wort «Heimatland» von allen Seiten des Lesebuchs, dann will sie die Sprache aktiv verlernen: Täglich streicht sie einen Buchstaben . . . «Wenn ich Arabisch vergesse, vergesse ich vielleicht auch die Angst.» Wenn das so einfach wäre.
Das Wolfszahn-Amulett ihrer syrischen Kinderfrau, die Streiche, Kämpfe und Freundschaften in der jüdischen Schule, das jährliche Wettschwimmen im Tigris, die Gesänge der Beduinenfrauen im Soukh, der Duft nach Orangenschalen auf dem Herd im Winter: Linas Alltag im Bagdad der sechziger Jahre ist voller Gerüche, Geschichten, Sprachen und Geräusche. Doch je älter sie wird, desto deutlicher bemerkt sie die Zeichen der Veränderung: arabische Männer, die eine mit Hose bekleidete Frau beschimpfen, weil sie auf der Straße ein Lied singt. Die leeren Bänke in der Schule, wenn wieder eine Freundin über Nacht ins Ausland verschwunden ist. Als Flugblätter in arabischer Sprache vom Himmel regnen und den glorreichen Sieg der Revolution verkünden, weiß auch Lina, daß sich das weltoffene Bagdad vor den grauen VW-Käfern der Geheimpolizei fürchten muß ... Die sprachmächtige Beschwörung einer vergessenen Welt voller Lebensfreude und Phantasie und zugleich der literarische Triumph über die Melancholie der Erinnerung: Mona Yahias preisgekrönter Roman ist voller Einsicht und Witz, brillant und poetisch, und läßt an der Sehnsucht der Autorin nach ihrer Heimat keinen Zweifel.