Franz Schubert war der letzte große Komponist, der ausgiebig Klaviersonaten schrieb. Dabei ließ er allerdings etliche unvollendet. Sein Bestreben ging eher dahin, vorüber gehende, momentane Empfindungen zu Papier zu bringen. Ein kurzes Charakterstück, das Impromptu, schien ihm dafür am geeignetsten. Er folgte damit einer Kompositionsrichtung, die von Ludwig van Beethoven mit zahlreichen Bagatellen, Variationszyklen und Klavierstücken begründet worden war und die ihren Höhepunkt mit Frédéric Chopin, Franz Liszt und anderen erleben sollte.
Die Stücke sind dabei aber nicht leicht und schnell vergessen, sondern bedeuten durchaus eine tiefere Beschäftigung mit motivischem Material. Nicht umsonst zählen die schubertschen Impromptus heute zu den Repertoireklassikern fast eines jeden klassischen Pianisten.
Schon bevor er seinen ersten Zyklus von Impromptus komponiert hatte, beschäftigte sich der Komponist mit der kleinen Form, dem intimen Charakterstück. Seine sechs Moments musicaux D 780 legen Zeugnis über diese Beschäftigung ab. Vier der sechs Stücke sind in den Paralleltonarten As Dur oder f moll gehalten. Die beiden As Dur Kompositionen sind voller Liebreiz und Güte, wobei gewiss zwischen den Zeilen viel Verbitterung erkannt werden könnte. Die kurzen beiden f moll Kompositionen hingegen brausen ohne Gnade und erbarmungslos dahin. Das C Dur Moderato ist sanft und pittoresk. Düsterer Charme zeichnet hingegen das cis moll Moment aus.
Den ersten Zyklus von vier Impromptus komponierte Schubert mit D 899. Die Stücke sind zart und beschwingt. Tiefste Trauer wohnt dem ersten und längsten, dem c moll Impromptu inne. Dahingegen zeigen sich das in Es und As Dur eher freundlich ohne größeren Tiefsinn, dafür voller Einfall und harmonischer Vielfalt. Das Ges Dur Impromptu ist hier gewiss das beste, denn obwohl es eingangs auch harmlos und gefällig wirkt, so offenbart es doch beizeiten tiefe Abgründe und üppige Mollpassagen.
Der Tonfall schubertscher Klavierstücke hat häufig ein verklärendes Element zueigen. Da wundert es nicht, dass drei der vier Impromptus aus D 935 in einer der beiden verklärenden Paralleltonarten As Dur oder f moll stehen. Das As Dur Impromptu ist von lieblichem, fast verzagtem Tonfall, wohingegen die beiden f moll Impromptus unterschiedlicher kaum sein könnten: Während das erste sanft perlend und in gewisser Weise resigniert wirkt, so gebart sich das zweite als wild und ungestüm, schicksalsschwer. Das umfangreichste Stück dieses Zyklus' ist das Werk in B Dur, dessen gutmütige Stimmung oft ins Trostlose abgleitet.
Die drei Klavierstücke aus D 946 werden ebenfalls als Impromptus klassifiziert. Die ersten beiden Stücke in es moll beziehungsweise Es Dur ähneln sich in ihrer Anlage: Ein leidenschaftlicher, tief empfundener Mittelteil wird gesäumt von zwei leichteren, unverbindlicheren Episoden. Das C Dur Stück hingegen beschränkt sich wiederum auf einen musikalischen Kerngedanken und verzichtet dabei weitest gehend auf Dynamik.
Zeit seines Lebens befasste sich Schubert mit Tanzformen, die er nur allzu gern zu Charakterstücken verarbeitete. In D 783 und D 790 komponierte er einen lockeren Reigen von 16 beziehungsweise zwölf Deutschen Tänzen. Mit den Allemandes von Johann Sebastian Bach haben die freilich nicht viel zu tun. Sie beweisen Schuberts Fertigkeit zu mannigfachen Variationen und seine Fähigkeit, Stimmungswechsel nuancenreich umzusetzen.
Alfred Brendel ist der Meister am Klavier. Ausdrucksintensiv, leidenschaftlich und mit tiefem Verständnis bietet er diese Perlen dar. Sein Anschlag ist lyrisch, aber zugleich zupackend, wodurch er sein Spiel fein nuancieren und scharf akzentuieren kann. Insbesondere den Moments musicaux schenkt er viel Zeit und die drei Klavierstücke aus D 946 habe ich noch nie einfühlsamer gespielt gehört. Aufgrund ihres Alters - Anfang der 70er - kommt die Aufnahme nicht ganz ohne Bandrauschen aus. Das Klavierspiel allerdings ist klar und rauschfrei.
Fazit: Alfred Brendel beweist auch hier, dass er einer der wenigen Interpreten klassischer Musik ist, dessen Einspielungen zumindest immer sehr gut sind. Diese hier ist die Referenz.