Der deutsche Komponist Max Bruch (1838-1920) wird heute fast ausschließlich auf sein erstes Violinkonzert reduziert. Zu Lebzeiten, wegen seiner scharfen Zunge nicht gerade beliebt, war das allerdings ganz anders. Bruch stand beinahe gleichberechtigt neben so großen Namen wie Brahms und Dvorák. Nach seinem Tode allerdings geriet er schnell in Vergessenheit.
Auf dieser Doppel CD sind sämtliche Werke für Violine und Orchester versammelt, denn obwohl Bruch kein Violinvirtuose war, blieb er diesem Instrument zeitlebens verhaftet. Die Werke sind virtuos - sie wurden zum größten Teil für Geigenvirtuosen komponiert -, die Violinstimme erweist sich häufig als dominierend. Auch wenn das erste Konzert gewiss das beste ist, kann dennoch das Vorurteil widerlegt werden, dass auch nur dieses hörenswert sei.
Eben dieses berühmte erste Konzert in g moll op. 26 zeigt eine charakteristische Eigenschaft zahlreicher Kompositionen Bruchs: Er bricht althergebrachte Formen auf. Sein erstes Violinkonzert beispielsweise konzipierte er so, dass alles auf das berühmte Finale hinaus läuft. Selbst den Kopfsatz degradiert Bruch zu einem simplen Vorspiel, das düster und getragen ist. Sogar das fast meditative, tiefsinnige Adagio richtet er fürs Finale ein, das dann auch wild und ungezügelt dahin braust. Dieses großartige Werk kann es durchaus mit den großen Violinkonzerten der Romantik aufnehmen.
Vom Erfolg beflügelt schrieb Bruch bald ein zweites Violinkonzert in d moll op. 44. Unkonventionellerweise eröffnet das Werk mit einem üppigen, an berauschenden Klangfarben reichen Adagio, in dem die Violine sanft über dem Orchester schwebt. Ein komplexes Rezitativ, das von verschiedenen Intermezzi unterbrochen wird, bereitet den Weg für das lebhafte Finale. Das steckt zwar voller intensiver Melodien, wirkt aber trotzdem etwas überladen und stellenweise langatmig.
Unmittelbar nach diesem Konzert komponierte der deutsche Tonsetzer seine berühmte Schottische Fantasie op. 46, ein hoch interessantes, packendes Stück, das seinen Namen daher hat, dass Bruch hier in einem der Sätze ein schottisches Volkslied verarbeitet. Nach einer schlichten Einleitung folgt ein herrliches Adagio, das Bruchs Fähigkeit zur lyrischen Gestaltung betont.
Ein mäßiges Scherzo schließt sich an, das in einem weiteren, kürzeren Adagio verebbt.
Nun folgt das wunderschöne Andante, das vor dem ungestümen Finale noch einmal Einhalt gewährt.
Sein umfangreichstes Violinkonzert komponierte Bruch mit dem dritten in d moll op. 58. Fast 20 Minuten dauert der Kopfsatz, dessen Gesamtanlage teilweise zu versanden scheint. Besser ist da schon das umfangreiche, komplexe Adagio, das zu den schönsten des Komponisten zählt. Das Finale ist knapp und verkappt, überzeugt in seiner stringenten Linienführung und seinen zwingenden Melodiebögen.
Das letzte große Werk für Violine und Orchester, das Max Bruch, der sich immer darüber ärgerte, dass nur sein erstes Violinkonzert häufiger aufgeführt wurde, komponierte, ist seine Serenade op. 75. Dieses herrliche Werk beginnt mit einem entzückenden Andante, das den Weg für einen feierlichen, gemessenen Marsch frei macht.
Dann folgt das Herz der Komposition, die Nocturne, die voller Tiefsinn und Anmut steckt. Das Finale ist mitreißend und an einigen Stellen beinahe entrückend.
Den Violinpart dieser glänzenden Einspielung übernimmt der geniale Geiger Salvatore Accardo, der jede noch so fingerbrechende Hürde perfekt meistert. Begleitet wird er vom brillant aufgelegten Gewandhausorchester Leipzig unter dessen langjährigem Maestro Kurt Masur. Die Akzentuierung ist passgenau, die Nuancierung farbenfroh und perlend. Auch die Aufnahmequalität ist bestechend gut.
Fazit: Eine wundervolle Zusammenstellung, die für den geneigten Hörer verschiedene kleine Perlen bereithält.