Franz Liszts "L'Années de Pèlerinage" gehören zu seinen großartigsten Werken. In wundervollen Bildern beschreibt der Meister in diesem Oeuvre seine Reiseerfahrungen teils abstrakt, teils real greifbar.
Das erste Jahr seiner Wanderschaft brachte den Komponisten in die Schweiz. Wenn er in üppig farbigen Bildern seine Reiseeindrücke beschreibt, wird dem Hörer schnell klar, warum Liszt als direkter Vorgänger des französischen Impressionismus gilt. Der Kern des ersten Wanderjahres ist freilich die tiefsinnige und unglaublich beruhigend wirkende Darstellung des Obermanntales. Auch ein Gewitter stellt Liszt eindrucksvoll dar. Durch eine Ekloge unterstreicht er den pastoralen Charakter des ersten Année. Das Stück endet im hehren Glockenläuten von Genf.
Dass der Charakterzug seines zweiten Années - diesmal war er in Italien - eher philosophisch, fast dichterisch ist, merkt man gleich mit der ersten Note. Zunächst vertont Liszt zwei Werke der bildenden Kunst. Eindrucksvoll ist vor allem seine Version eines italienischen Volksliedes. Wenn er sich schließlich an drei Petrarca Sonette wagt, darf der Hörer gerne sagen, dass es sich hierbei um keine leichte Kost handelt. Wenn aber dann die ersten spröden Takte der Dante Sonate erklingen, weiß der Hörer, dass Liszt höchsten ästhetischen Grundsätzen Tribut zollt. Diese enorme Sonate zeigt Liszts diabolische Seite, die er ja beispielsweise auch in seiner Dante Sinfonie oder seiner h moll Sonate offenbart.
Schade finde ich nur, dass das Supplement zum zweiten Année nicht eingespielt ist.
Ein ausgesprochenes Spätwerk ist das dritte Année, das nicht mehr an ein Reiseziel gebunden ist, sondern zahlreiche Bruchstücke aus den Erinnerungen des Tonsetzers aufzeichnet. Es handelt sich quasi um eine Wanderschaft in den Komponisten. Besonders beeindruckend sind seine Erinnerungen an die Villa d'Este. Berühmt geworden ist die impressionistische Darstellung des Wasserspiels bei selbiger. Eine Reminiszenz an seine ungarische Heimat ist auch enthalten, genauso wie ein gewaltiger Trauermarsch, der beinahe halluzinogen wirkt. Eingerahmt ist das dritte Wanderjahr durch Zeugnisse von Liszts stark ausgeprägtem Gottvertrauen.
Alfred Brendel, der die ersten beiden Années einspielt, findet stets den richtigen Tonfall: lyrisch und lieblich im ersten, zupackend und beinahe philosophisch im zweiten. Er spielt technisch einwandfrei; genau wie Zoltán Kocsis, der die Einspielung des dritten Années besorgt. Er spielt gewohnt flott und virtuos mit einem sehr angenehmen Anschlag. Die Tonqualität ist ausgezeichnet.
Fazit: Neben der Einspielung von Lazar Berman und Jorge Bolet ein absolutes Muss für Freunde lisztscher Klaviermusik.