Terry McCaleb ist eigentlich im Ruhestand. Der ehemalige FBI-Agent und Spezialist für Serienkiller hält sich nach seiner Herztransplantation mit Bootsfahrten über Wasser. Mit Frau und Kindern lebt er zurückgezogen auf einer Insel, als er eines Tages Besuch von Detective Jaye Winston erhält. Sie bittet ihn um Rat bei einem Mordfall, dessen grausame Details auf einen Serienmörder hinweisen. Widerwillig nimmt er sich der Sache an, doch dann packt ihn sein altes Jagdfieber.
Die Morddetails deuten auf einen religiösen Fanatiker hin, der als Vorlage für seine Taten offenbar Motive aus den Gemälden des niederländischen Malers Hieronymus Bosch benutzt. Die Stellung des Opfers, die Wunden sowie eine am Tatort stehende Plastikeule wecken das Interesse McCalebs an den Bildern des Malers, insbesondere an dessen Meisterwerk „Der Garten der Lüste".
Das Opfer, Edward Gunn, war zu Lebzeiten kein unbescholtener Bürger. Vor einigen Jahren soll er - angeblich aus Notwehr - eine Prostituierte ermordet haben. Ist er also das Opfer einer ausgeklügelten Rache geworden? Nicht nur die Namensgleichheit mit dem niederländischen Maler führen McCaleb auf die Spur von Detective Harry Bosch. Der Polizist, der gerade als wichtigster Zeuge in einem Mordfall vor Gericht aussagen muss, hat damals Edward Gunn festgenommen und hoffte bislang vergebens auf eine Bestrafung. Könnte also Bosch eine alte Rechnung mit Gunn beglichen haben? McCaleb heftet sich an die Fersen des toughen Polizisten - und kommt zu überraschenden Einsichten.
Es ist ein außergewöhnliches Zusammentreffen zwischen seinen beiden Ermittlern Bosch und McCaleb, das Michael Connelly inszeniert. Beide Figuren dürften Connelly-Lesern aus früheren Romanen bekannt sein. Gegensätze, die Spannung versprechen: Der kranke Ex-Profiler, der vor allem sein psychologisches Gespür und seine Logik zum Einsatz bringt und der hartgesottene Polizist, der die Schattenseiten der Glitzerstadt Los Angeles nur zur gut kennt. Und just dieser schlagkräftige Mann gerät ins Visier eines ehemaligen FBI-Agenten.
Ein gelungener Gegensatz, der niemals konstruiert wirkt. Seine Figuren sind real und in ihren Handlungen nachvollziehbar. Geschickt stellt er die beiden Männer dar: Während man gleich zu Beginn über McCalebs Privat- und Vorleben einiges erfährt, bleibt Harry Bosch in einer diffusen, ambivalenten Dunkelheit.
Eine Dunkelheit, die metaphorisch zu sehen ist und die Connelly raffiniert nutzt, um seine Figuren über Schuld und Gerechtigkeit sinnieren zu lassen. „Dunkler als die Nacht" ist eine fesselnde und anspruchsvolle Mischung aus Psychothriller, Polizeiroman und Gerichtskrimi. Ein guter, finsterer Roman.