Der Roman baut sich zu mehr als zwei Drittel seines Umfangs in geradezu klassischer Manier auf. Ein Giftmord aus scheinbar erster Hand (Hester Latterly), aber von längerer Hand vorbereitet. Die Geschichte manövriert die Hauptdarstellerin in eine miterleb- und stark mitfühlbare Bedrohungssituation. Die Beschreibung dieser Ausweglosigkeit gelingt der Autorin so gut, daß ein häufiger Leser von A. Perry, der auch die frühen Werke aus der Charlotte/Thomas Pitt-Serie kennt, imaginär den Hut zieht vor dieser schriftstellerischen Weiterentwicklung. Der dramatische Aspekt der Handlung ist bis zu diesem Zeitpunkt ein rein psychologischer, der ohne dunkle Gemäuer und vordergründigen Bösewicht auskommt. Es spitzt sich in einer eindringlichen Gerichtsverhandlung zu, die mit ihrem Ausgang einen zufriedenstellenden und logischen Abschluß hätte bilden können.
Schriftstellerisch wäre es absolut einleuchtend gewesen, dieses wunderbar vorbereitete Finale zur endgültigen Klärung des Falles zu nutzen. 5 Sterne bis hier! Weltklasse. Doch dann wird dramatisch "nachgelegt" und hier beginnt der Romanabschnitt, den ich nur mit 2 bis 3 Sternen bewerten möchte. Es ist immer problematisch, wenn man sogar als Leser das Gefühl hat, daß einige im ersten Teil des Romans äußerst ehrenvoll aufgebaute Charaktere, auf Geheiß des Schriftstellers ins abgrundtief Verdorbene manövriert werden. Dem ist schwer zu folgen, zumal sich auch das Gefühl einstellt: völlig unnötig und im ersten Teil des Romans zu wenig vorbereitet. Nachträglich werden Dinge eingefügt, die - kliescheehaft - einen guten Krimi ausmachen: Geheimtüren, Geldfälscher, Syphilis und Verfolgungsjagd. Etwas willkürlich.
Nicht ganz aus einem Guß, aber lesenswert.