Nach den Erfolgen, die der kleine Verlag Liebeskind mit den Veröffentlichungen von James Sallis feiern durfte, scheint jetzt Heyne das Szepter übernommen zu haben und weitere Romane von Sallis herauszubringen. Den Anfang macht der erste Teil der Turner-Trilogie. Wie so oft bei Übersetzungen ist der deutsche Titel leider etwas dümmlich ausgefallen, das Original heißt herrlich lakonisch "Cypress Grove".
Sallis ist nicht ganz leicht zu fassen. Vordergründig schreibt er Kriminalromane, aber es steckt doch immer deutlich mehr dahinter. War "Deine Augen hat der Tod" noch phasenweise arg ins Philosophische entrückt, ist der vorliegende Roman eher eine Hommage an das Leben fernab der Großstadt. Es wird zwar die für den amerikanischen Kriminalroman (seit Chandler) typische Kritik an den herrschenden Verhältnissen größtenteils ausgespart, trotzdem ist Sallis weit davon entfernt, das kleinstädtische Amerika rosarot zu zeichnen. Aber vielleicht ist "Dunkle Schuld" eben auch gar kein echter Kriminalroman, Heyne untertitelt auf dem Cover (das im übrigen das ansprechende Design der Bücher von Liebeskind aufgreift) auch nur mit "Roman".
Dieser, nennen wir ihn Roman, funktioniert auf zwei Ebenen. In den Kapiteln strikt abwechselnd erzählt Turner (Ex-Cop, Ex-Knacki, Ex-Therapeut, Ex-Liebhaber, eigentlich Alles-Ex) von den Geschehnissen der Gegenwart und seiner bewegten Vergangenheit. Verläuft der Gegenwartsstrang chronologisch akkurat, sind die Abstecher in Turners Vergangenheit doch immer nur allein stehende Episoden. Es ist schwer, sich von Turner ein Bild zu machen. Dafür aber beobachtet Turner um so genauer, eigentlich sind zum Ende alle Charaktere schärfer umrissen als er selbst.
Zur Wertung: Der im Zentrum der Gegenwartshandlung stehende Kriminalfall funktioniert leider nicht. Wer einen waschechten Krimi lesen will, sollte anderweitig zugreifen. Zum einfach so wegschmökern eignet sich das Buch ebenfalls nicht. Mir hat es aber trotzdem gut gefallen, ich lese Sallis einfach gern. Er fordert den Leser, kaut ihm nicht alles vor und lässt ihn die Lücken zwischen den Gedankensprünge seiner Protagonisten (und seiner eigenen) selbst auffüllen. Er zeigt die Unwägbarkeiten des Lebens und kommt immer wieder darauf zurück, wie schnell man durch eine einzige Handlung plötzlich auf der anderen Seite steht, obwohl man sich doch von dort meilenweit weg und in Sicherheit gefühlt hatte. 4 Sterne.