Aus der Amazon.de-Redaktion
Von der ersten bis zur letzten Seite des gut 500 Seiten umfassenden Thrillers ist Hochspannung angesagt. Walters operiert mit hochintelligenten Protagonisten, was die Dialoge zu einem geistigen Vergnügen macht. Im Vordergrund der Geschichte steht die Aufklärung dreier Morde, die alle im Zusammenhang mit Jinx Kingsley, einer Millionärstochter, stehen. Nach einem Selbstmordversuch wird sie von ihrem Vater, der sie abgöttisch liebt, in eine exklusive Suchtklinik eingewiesen um sich zu regenerieren. Jinx Kingsley versucht dort, mit bissigem Sarkasmus über ihre Amnesie hinwegzukommen. Ihr Selbstmordversuch wird mit der geplatzten Hochzeit mit ihrem Verlobten Leo Wallader, einem Sohn aus wohlhabendem Hause, in Verbindung gebracht. Raffiniert läßt die Autorin immer mehr Verdächtige auftauchen, die die rätselhaften und brutalen Morde verübt haben könnten. Das Dickicht lichtet sich erst auf den letzten Seiten mit einer überraschenden Wendung.
Walters schildert nicht nur dezidiert die Ermittlungsarbeit der Polizei, sondern zeigt auch die menschlichen Schwächen auf, die im Glauben an Vordergründiges verborgen liegen. Ein atemberaubend packender Roman, der in einem Zug gelesen werden kann. --Corinna S. Heyn -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Dunkle Kammern von Minette Walters, Mechtild Sandberg-Ciletti. Copyright © 2002. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Das spitze kleine Gesicht des zwölfjährigen Mädchens war voller Mißmut, als sie sich aufsetzte und unter dem Waldlaub nach ihrem Schlüpfer zu suchen begann. Sie hatte endlich begriffen, daß Sex mit Bobby Franklyn bei weitem nicht das war, was er hätte sein können. Sie schlüpfte in ihre Schuhe und versetzte dem Jungen einen wütenden Tritt. "Steh auf, Bobby", fuhr sie ihn an. "Heut kannst du mal den verdammten Hund suchen."
Er wälzte sich auf den Rücken. " Gleich ", murmelte er schläfrig.
"Nein, sofort! Meine Mam bringt mich um, wenn Rex wieder vor mir nach Hause kommt. Sie ist nämlich nicht blöd, kapiert?" Sie stand auf. In dem kindlichen Wunsch, ihm weh zu tun, bohrte sie ihm den Absatz ihres Schuhs in den nackten Oberschenkel und drehte ihn hin und her. "Los, steht endlich auf!"
"Okay, okay." Mürrisch richtete er sich auf und zog seine Hose hoch. "Aber das nervt mich echt, das kann ich dir sagen. Lohnt sich ja kaum, wenn wir jedesmal den Hund suchen müssen."
Sie trat von ihm weg. "Rex ist bestimmt nicht dran schuld, daß es sich nicht lohnt." Tränen zorniger Scham standen ihr in den Augen. "Ich hätte auf Mam hören sollen. Sie hat immer gesagt, daß zu so was ein richtiger Mann gehört."
"Ja, klar", sagte er, während er den Reißverschluß seiner Hose schloß, "wär auch viel einfacher, wenn ich mir nicht vormachen müßte, du wärst Julia Roberts. Und überhaupt, was weiß denn deine blöde Mutter schon? Die hat doch schon seit Jahren keiner mehr richtig durchgebumst." Seine Gefühle für diese Mädchen gingen über das rein Animalische kaum hinaus, aber wenn sie anfingen, an ihm rumzumeckern, erwachte sehr schnell der Haß, und das Verlangen, ihnen die frechen kleinen Fratzen zu polieren, drohte unwiderstehlich zu werden.
Das Mädchen begann sich zu entfernen. "Ich hasse dich, Bobby. Und wie ich dich hasse! Und ich sag's, ich sag alles." Sie tippte auf ihre Uhr. "Drei Minuten. Länger kriegst du ihn nicht hoch. Drei beschissene Minuten. Nennst du das richtig durchbumsen? " Sie warf einen triumphierenden Blick über ihre Schulter zurück, sah etwas in seinem Gesicht, das ihr verriet, daß sie in Gefahr war, und begann plötzlich, von Angst gepackt, zu laufen. "REX! " schrie sie. "RE-EX! Er bringt dich um, wenn du mich anrührst", schluchzte sie und stürzte, klein und drahtig, durch die Bäume davon.
Aber umbringen würde hier nur Bobby jemanden. Seine Wut war ohne Grenzen. Er warf sich von hinten auf das Mädchen und riß es zu Boden. Keuchend versuchte er, sich rittlings über ihre strampelnden Beine zu schwingen. "Du Luder", grunzte er. "Du verdammtes Luder."
Die Angst verlieh ihr Kraft. Kriechend und stolpernd entkam sie ihm, schrie weinend nach ihrem Hund, als sie in einem Gestöber faulenden Laubs einen Hang hinunter in einen breiten Graben rutschte, der den Waldboden durchzog. Sie landete auf ihren Füßen, nur Meter von dem großen Wolfshund entfernt, der mit gesträubtem Fell knurrend dastand. "Ich hetz ihn auf dich, und dann reißt er dich in Stücke. Es ist mir ganz egal, ich halt ihn nicht auf." Sie sah mit Genugtuung, daß Bobby leichenblaß geworden war. "Du bist der fieseste Typ, den ich kenne!" schrie sie.
Aber dann sah sie, daß Rex sie anknurrte und nicht Bobby, und daß nicht die Furcht vor dem Hund ihrem Freund in die Glieder gefahren war, sondern der Schrecken über das, was der Hund bewachte. Flüchtig sah sie etwas halb Ausgegrabenes und ekelerregend Menschliches, ehe die Panik sie in wild schluchzendem Entsetzen den Hang wieder hinauftrieb.