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Die Dunkelkammer des Damokles
 
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Die Dunkelkammer des Damokles [Gebundene Ausgabe]

Willem Frederik Hermans , Waltraud Hüsmert
4.3 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (6 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 15.09.2001
Das bereits 1958 im Original erschienene Buch, findet Hermann Wallmann, ist mehr als eine Vervollständigung der Reihe moderner Klassiker der Nachkriegsliteratur. Für Wallmann kann es sich gar Aktuellerem stellen, Marcel Beyer ("Spione") zum Beispiel. Schon deshalb höchste Zeit, dass wir es zu lesen bekommen, meint unser Rezensent und holt gewaltig aus, um uns die einigermaßen vertrackte Handlung des Agentenromans näher zu bringen, obgleich das, wie er einräumt, nicht allzuviel hilft, steckt die Essenz des Ganzen doch im Detail: "Hermans setzt die einzelnen Handlungsschritte so ein, wie der 'konkrete' Lyriker jeden einzelnen Buchstaben einsetzt, um den Leser Sprache geradezu körperlich spüren zu lassen."

© Perlentaucher Medien GmbH

Kurzbeschreibung

Den Laden des Tabakwarenhändlers Henri Osewoudt betritt im Mai 1940 ein Offizier der niederländischen Armee. Der Mann scheint Osewoudt wie aus dem Gesicht geschnitten. Als der geheimnisvolle Doppelgänger ihm wenige Wochen später Mordaufträge übermittelt, führt Osewoudt sie kaltblütig aus.
Willem Frederik Hermans hat einen der raffiniertesten Romane der modernen Literatur geschrieben. Cees Nooteboom würdigt den Autor in seinem Nachwort zur nun endlich vorliegenden deutschen Ausgabe: "Mit Meisterhand hat er die Schraube um seine Figur immer fester angezogen... Die niederländische Literatur unseres Jahrhunderts wäre ohne ihn undenkbar."

Autorenporträt

Copyright: Aus Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Hermans, Willem Frederik niederländ. Schriftsteller *1.9.1921 Amsterdam, †27.4.1995 Utrecht Die Dunkelkammer des Damokles, 1958 WillemFrederikHermans gilt vielen als der bedeutendste niederländische Prosa-Autor der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Werk umfasst neben Romanen und Erzählungen auch Gedichte, Theaterstücke und zahlreiche Essays. Besonders gefürchtet waren seine scharfen Polemiken, mit denen er sich in viele Bereiche des kulturellen Lebens einmischte. Hermans schloss das Studium der Geografie 1955 mit der Promotion ab und wurde 1958 zum Dozenten für Physische Geografie an der Universität Groningen ernannt, die er 1973 nach langwierigen Querelen verließ. Noch im selben Jahr kehrte Hermans den Niederlanden den Rücken, um zunächst in Paris und später in Brüssel zu leben. In dem satirischen Roman Unter Professoren (1975) rechnete er später mit dem Universitätsbetrieb ab. Obwohl der Zweite Weltkrieg eine große Rolle in den Romanen von Hermans spielt (Die Tränen der Akazien, 1949; Die Dunkelkammer des Damokles), ist der Krieg für ihn nicht in erster Linie Thema, sondern Metapher für die Welt schlechthin, die er als ein "sadistisches Universum" betrachtet, dem der Mensch hilflos und ohne Chance auf eine sinnvolle Existenz ausgeliefert ist. Als weitere bedeutende Werke sind die Romane Nie mehr schlafen (1966) und Au pair (1989) zu nennen, außerdem die Erzählbände Mutwille und Missverständnis (1948) und Der letzte Raucher (1991) sowie der Essayband Das sadistische Universum (1964)

Auszug aus Die Dunkelkammer des Damokles von Willem Frederik Hermans, Waltraud Hüsmert. Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Der Tabakladen von Osewoudts Vater lag am Ende des Dorfs, unweit der Stelle, an der sich die Gleise wieder voneinander entfernen. Als Osewoudt auf der Höhe der evangelischen Schule war, erblickte er einen Menschenauflauf vor der Ladentür. Eine große Gruppe von Nachbarn, die gestikulierten, laut redeten und hin und wieder in den Laden schielten. Auch zwei Polizisten standen dabei. Der Drogist Turlings bemerkte Osewoudt, löste sich aus der Gruppe und kam auf ihn zu. - Gib mir schnell die Hand, Henri! Du mußt mit mir kommen. Du kannst nicht nach Hause! Ein Unglück ist geschehen, ein furchtbares Unglück!
Osewoudt sagte nichts, gab ihm die Hand und ließ sich mitziehen. Die Leute versperrten fast die ganze Straße. Turlings zerrte ihn so schnell hinter sich her, daß er nicht verstehen konnte, was sie sagten, obwohl er genau wußte, daß es um ihn ging. - Ist Mutter etwas zugestoßen? - Ach Junge! Es ist zu entsetzlich, um darüber zu reden! Du wirst es später noch erfahren. Ein schreckliches Unglück! - Ist Vater tot? - Junge, wie wagst du es, so etwas zu fragen. Es ist furchtbar! Furchtbar! Turlings Drogerie war direkt an der Tramhaltestelle, schräg gegenüber vom Tabakladen. Osewoudt schaute sich um, sah aber nur die Leute und ein Schild ÜBERHOLEN VERBOTEN, das gleiche Schild wie am anderen Ende des Dorfs. Sie gingen hinein, und der Drogist brachte Osewoudt in das Zimmer hinter dem Laden. Die Frau des Drogisten trug einen weißen Laborkittel. Sie eilte auf ihn zu. - Ach, du armer Junge! Was für ein schreckliches Unglück! Sie küßte ihn auf den Kopf, holte eine Rolle Lakritz für ihn aus dem Laden und setzte ihn auf einen Stuhl beim Ofen, der nicht geheizt war. Sogar im Wohnzimmer roch es nach Hustenpastillen und Waschleder. - Es ist schrecklich! Wie kann man nur so etwas tun! Armer Junge! Armer, armer Junge! Osewoudt nahm ein Lakritz aus der Rolle. - Hat Mutter es getan? - Hat man da noch Worte! Woher weiß er das! ... sagte die Frau zum Drogisten. Er weint nicht mal! Turlings beugte sich über Osewoudt und sagte: Bald kommt dein Onkel und holt dich ab. Dann darfst du mit nach Amsterdam. Er ging in den Laden und telefonierte.
- Mama! Ich hab das Blut auf der Straße gesehen! Ihr Sohn Evert war ebenfalls zwölf, wie Osewoudt, aber er ging in die evangelische Schule. - Hast du meine .Mutter gesehen? - Halt den Mund, Henri! Halt den Mund, Evert! Wasch dir die Hände und setz dich an den Tisch! Im Zimmer verbreitete sich der Geruch von Kartoffeln und Kohl. Der Drogist setzte sich mit seiner Frau und seinem Sohn an den Tisch. Osewoudt ließen sie beim Ofen sitzen. Er stellte keine Fragen mehr, sondern steckte sich ein Lakritz nach dem anderen in den Mund. Der Drogist und seine Frau beteten laut vor dem Essen, Evert las ein Stück aus der Bibel vor, als sie beim Brei angelangt waren. Danach wurde laut gedankt. Onkel Bart klingelte an der Tür, als der Laden bereits geschlossen hatte. Er trat mit der Frau des Drogisten ins Zimmer, den Hut in der einen und ein weißes Taschentuch in der anderen Hand. - Wie ist es passiert, Onkel Bart? Ich will es wissen. Ich bin schon ein großer Junge! - Dein Vater ist krank, sagte Onkel Bart, und deine Mutter haben sie in die Anstalt gebracht, wie vor fünf Jahren, du weißt schon. Draußen war es bereits dunkel. Sie stiegen in die Straßenbahn nach Leiden ein. Osewoudt blickte durchs Fenster, und als sie am Tabakladen vorbeifuhren, sah er, daß im Haus nirgends mehr Licht brannte. Er zupfte Onkel Bart am Ärmel. - Ich glaub nicht, daß Vater krank ist, wieso sollen er und Mutter zur gleichen Zeit krank geworden sein? - Hör auf zu quengeln, Henri. Ich habe keine Vorurteile. Bei Gelegenheit werde ich dir alles erzählen. - Mutter hat oft gesagt, sie würde Vater mit der Brechstange totschlagen. - Brechstange? - Die Brechstange, die unter der Ladentheke liegt, Onkel Bart. An der einen Seite ist es eine Brechstange und an der anderen ein Hammer. - Wie wagst du es, so zu reden! Deine Mutter ist krank. Denk an was anderes. Du bleibst eine Weile bei uns. Du darfst auch in Amsterdam zur Schule gehen. Freust du dich nicht darüber? Sie fuhren bis zum Bahnhof in Leiden und nahmen dort den Zug nach Amsterdam. - Heute hat uns der Lehrer eine Geschichte erzählt, sagte Osewoudt. Es ging um einen Schiffbrüchigen auf einem Floß. Er hatte nichts zu trinken, er haßte den Ozean, weil das Wasser salzig war. Aber dann schlug ein Blitz in das Floß ein, und er schöpfte das Wasser, das er haßte, mit den Händen aus dem Ozean, um das Feuer zu löschen. - Und hat er das Feuer gelöscht? - Wenn er das Feuer gelöscht hat, ist er trotzdem gestorben, vor Durst. Wir haben uns schiefgelacht. - Erzählt euch der Lehrer oft solche Geschichten? - Guten Tag, Tante Fietje! - Guten Tag, Henri! Armer Junge, armes Kind. Sie küßte ihn lange, aber sie roch nicht gut. - Guten Tag, Ria! - Guten Tag, Henri! Sie drückte ihn ebenso lange wie die Tante, roch aber viel angenehmer. Onkel Bart sagte: Er freut sich, daß er in Amsterdam zur Schule gehen darf. Und jetzt ab ins Bett, Henri! Ria zeigt dir das Zimmer. Ria war neunzehn. Sie nahm Osewoudt mit, sie gingen zwei schmale Treppen hoch zu einem kleinen Zimmer, in dem ein frisch bezogenes Bett stand. Sie zeigte ihm, wo er seine Kleider aufhängen und wo er sich waschen konnte. Er zog sich aus und wusch sich, aber als er im Bett lag, konnte er nicht schlafen. Er hörte, wie sein Onkel und seine Tante zu Bett gingen, und danach öffnete sich die Tür, und Ria schaute um die Ecke. - Was ist denn das? Das Licht brennt ja noch! Kannst du nicht schlafen? - Ich habe Angst. Sie zog die Tür weiter auf und zeigte auf eine andere Tür, zu der ein paar Treppenstufen hinabführten. - Das ist mein Zimmer. Du darfst nachher zu mir kommen, wenn du nicht schlafen kannst. Als er zu ihr kam, lag sie im Bett. - Komm mit unter die Decke, sonst frierst du. Als er zu ihr ins Bett geschlüpft war, machte sie das Licht aus. - Bei meiner Mutter darf ich auch immer ins Bett. Er begann zu schluchzen. Sie schob den Arm unter seinen Kopf. - Ich hab mir früher immer einen kleinen Bruder gewünscht. Du darfst heute nacht bei mir bleiben. Keiner merkt es. Außerdem ist Papa alles recht, sagt er immer. - Er wollte mir nicht erzählen, was passiert ist. Kannst du es mir nicht sagen? -' Ich weiß es auch nicht genau, Henri. Du darfst nicht an diese Dinge denken. - Ich möchte es gern wissen. - Findest du nicht, daß meine Haare gut riechen? - Ja, sie riechen gut, aber ich habe Angst. - Schlaf jetzt. - Ich kann nicht schlafen. - Du bist noch ein kleiner Junge. - Das stimmt nicht. Ich bin ein großer Junge, aber ich bin klein für mein Alter, ich kann auch nichts dafür. So? Du bist schon ein großer Junge? Bist du dir sicher? Wenn du so ein großer Junge bist, dann gib mir mal einen Kuß.
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