Henri Osewoudt hat sich nach einer dramatischen Kindheit und Jugend (die übrigens nur auf wenigen Seiten abgehandelt wird) in einem nahezu schicksalsfreien Leben ohne Höhepunkte, aber vor allem auch ohne eigenen Willen eingerichtet. In diese minimalistische, wie lediglich lebenserhaltend wirkende "Idylle" bricht Dorbeck ein. Er ist Offizier der niederländischen Armee, die sich auf dem Rückzug befindet vor den Truppen Hitlerdeutschlands. Dorbeck, der Henri abgesehen von der Haarfarbe zum Verwechseln ähnlich sieht, bittet diesen, einen Film zu entwickeln, der für die Widerstandsbewegung in den Niederlanden von großer Bedeutung sei - und mit der Annahme dieses Auftrages beginnt für Henri eine absurde, kafkaeske Odyssee. In einer fatalen Mischung aus Unbedarftheit, Naivität, Untergebenheit und vor allem Pech wird Henri zum Ball in einem diabolischen Spiel, das ihn fremdgewollt, zufällig und chancenlos zum skrupellosen mehrfachen Mörder, Entführer, Flüchtling, Verräter, Spion und Häftling macht. Osewoudt wähnt sich dabei stets auf der Seite der Guten. Um so erschreckender ist es für ihn, als er nach gelungener Flucht aus deutscher Haft mit dem Vorwurf der Kollaboration konfrontiert wird und wieder hinter (diesmal niederländische) Gittern muß. Obwohl für die Behörden längst fälschlicherweise feststeht, daß Henri mit den deutschen Besatzern zusammengearbeitet hat, werden, in dubio pro reo, alle Spuren verfolgt, die er zu seiner Entlastung angibt. Aber das Schicksal schließt sich der staatlichen Fairness nicht an, und bei dem Bemühen, seine Unschuld zu beweisen, rutscht Henri wie in Treibsand strampelnd immer tiefer ins endgültige Verderben.
Hermans ist mit der Dunkelkammer des Damokles ein im höchsten Maße faszinierendes und verstörendes Meisterwerk gelungen. Wie die Helden in griechischen Tragödien dem Willen der Götter ausgeliefert waren, so ist der Held in diesem Roman unentrinnbar abhängig vom Willen Dorbecks und des Schicksals, das gerade dann besonders grausam zuschlägt, wenn sich vage ein Hoffnungsschimmer abzuzeichnen beginnt. Alle Theorien über die menschliche Selbstbestimmtheit wirken im Falle des Henri Osewoudt lediglich wie mentale Turnübungen, in der rauen Realität bewegt er sich im dunklen Verlies des Schicksals ohne eine Ahnung, was mit ihm wirklich geschieht. Als Leser hört man gewissermaßen, wie das Band, an dem das Schwert des Damokles hängt, ganz, ganz langsam reißt. Man möchte Henri die helfende Hand reichen, ihn aus dem Albtraum erwachen lassen, aber diesen Gefallen tut Hermans weder ihm noch uns Lesern.
Der Roman ist, angefangen bei dem doppeldeutigen Titel (schließlich nimmt mit der Entwicklung eines Filmes das Schicksal im ureigensten Sinne seinen Lauf) bis hin zu dem raffiniert ausgeworfenen Netz, in dessen subtilen Verzweigungen sich Osewoudt verfängt, ein intelligentes und irritierendes, dabei aber auch spannendes und gut lesbares Buch, das ich uneingeschränkt empfehlen möchte.