Itzik Manger mit einem wichtigen Teil seines lyrischen Werkes dem deutschen Leser zu präsentieren, dazu in dieser vorzüglichen Edition, ist gewiss ein achtbares Unterfangen. Endlich wird ein bedeutender Teil der klassisch-jiddischen Moderne, der klassisch-jiddischen Lyrik der Bukowina in einer Synopse dem deutschsprachigen Leser vorgestellt, und zugleich scheut man sich nicht, der Übertragung eine gut lesbare Form der Romanisierung des jiddischen Urtextes anzufügen. Das ist nämlich für viele Leser unabdingbar, um sie nicht um den Klang des Originalargots zu bringen, sollten sie die hebräische Schrift nicht lesen können. Voraussetzung ist allerdings auch in diesem Fall eine korrekte Aussprache des Jiddischen, wozu die beigefügte CD Hilfestellung leisten soll.
Und doch habe ich Zweifel, ob sich das Jiddische - als Nahsprache zum Deutschen - nicht am Ende und grundsätzlich einer Übertragung in die deutsche Hochsprache entzieht. Vielleicht überzeugen Übertragungen von einer Sprache in die andere nur, wenn der sprachhistorische und soziolinguistische Abstand beider Sprachen zu einander groß genug ist.
In seiner Replik auf eine Umfrage der Librairie Flinker, Paris, mutmaßt Paul Celan 1961 - vielleicht sollte ich so weit gehen und sagen: argwöhnt - er glaube nicht an Zweisprachigkeit in der Dichtung. Dichtung, sagt er, sei vielmehr das schicksalhaft Einmalige der Sprache, also nicht [...] das Zweimalige. Wenn Celan auch mit dieser Metapher auf den eigentlichen künstlerischen Schöpfungsakt abstellt und nicht die Dienstleistung des Übersetzers im Auge hat, bei diesem Vergleich Vorsicht angeraten ist, sollte man aber auch Peter Demetz das Dogma nicht abnehmen, wir alle schwämmen längst im Meer einer selektiven Weltliteratur, die sich ihr Schöpfungsidiom und ihre Sprachklientel gleichsam nach Belieben aussuchen darf.
Die Wahrheit nämlich und die bittere Erkenntnis ist, dass Manger in der Übersetzung verblasst, der Reim und die Metrik seiner Fabeln sich im Deutschen nur mit Mühe aufrecht erhalten, bewahren, glaubhaft machen lassen, weil mit der Übertragung ins Deutsche der Pfiff des Jiddischen, seine Schlagfertigkeit, sein Witz, sein Klang, seine Plastizität irgendwo zum Fenster hinaus sind.
Und doch, trotz alledem. Gerade weil Manger der mehrfachen Unzugänglichkeit unterliegt, nämlich einer sprachlichen und literaturhistorischen und einer, die dem Akt der Vernichtung, dem Holocaust zuzuschreiben ist, ist es für uns Deutschsprachige eminent, wenn uns ein Teil der jiddischen Literatur angetragen und nahe gelegt wird, dazu in einer Übertragung, wie sie uns Efrat Gal-Ed, in Deutschland lebende Malerin, Autorin und Übersetzerin mit einem beachtlichen Anmerkungsteil und einer Kurzbiographie des Dichters vorlegt.
Manger wuchs mit Czernowitz in einer - um es mit dem Celan-Biografen Israel Chalfen zu sagen - jüdischen Stadt deutscher Sprache auf. Der Vater und ein Bruder waren Schneider. Einen Großteil seines Lebens verbrachte Manger in Warschau, neben Wilna eines der großen, der bedeutenden Zentren des jiddischen Lebens und der jiddischen Kultur vor dem Zweiten Weltkrieg.
Grundlage des Buches war die Ausgabe "lid un balade" von 1952, in die auch Gedichte aus Mangers "medresch-lidern" und "chumesch-lidern" Eingang gefunden haben. Wollte man Manger heutzutage unter die Leute bringen, wäre man zu einer Gesamtübersetzung seines Werkes gezwungen, eine Bringschuld, an der kein Weg vorbeiführt und die bisher nur in Teilen abgetragen worden ist. Der Band leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Gal-Ed bereitet eine Biographie Itzik Mangers vor. Man darf gespannt sein.