Das Buch „Dunkel" wurde von Wolfgang Hohlbein verfasst und ist im Jahre 1999 erschienen. Die Geschichte spielt in Neuss in der heutigen Zeit und die Hauptpersonen sind Jan Feller, seine Freundin Katrin, die geheimnisvolle Vera und einige seltsame und ungewöhnlichen Gestalten. Das Dunkel lauert nicht nur in den düsteren Katakomben der Vergangenheit, sondern auch in den modernen Glaspalästen von heute. Jan, einen jungen Mann aus Neuss, hat es in ein Multiplex-Kino gelockt, wo er sich die neueste Horrorkomödie zu Gemüte führt. Auf der Herrentoilette taumelt ein Mann herein und bricht vor seinen Augen zusammen. Als Jan sich über den Sterbenden beugt, fühlt er, wie eine unsichtbare Hand sich um sein eigenes Herz legt. Man bringt ihn mit Blaulicht in die Klinik. Jan ist, wie es scheint, noch einmal davongekommen. Aber wieso wird er das Gefühl nicht los, dass es in dem weißgekachelten Raum noch eine dritte Person gegeben hat, eine dunkle Gestalt? Eine Illusion, gewiss, aus dem eigenen Schrecken geboren, nicht mehr als sein eigener Schatten, vom Licht der Neonröhren an die Wand geworfen... Dann aber sieht er den Schatten wieder und erkennt, dass er hier von einer Macht verfolgt wird, für die es keine Bezeichnungen, keine Begriffe gibt. Mit seinem Schritt an den Rand des Todes ist er in das Reich des Dunkels eingetreten, in dem es Wesen gibt, die nach anderen Gesetzen leben als wir Menschen. Sie ernähren sich von unserer Lebensenergie, treten im Augenblick des Todes hinzu, um sich zu sättigen. Und eine von ihnen ist jetzt auf Jans Spur. Jan muss erkennen, dass die alte Legende von den Vampiren, die im Dunkel das Leben der Menschen aussagen, kein Mythos ist, sondern eine erschreckende, fremde Wirklichkeit. Auf seiner abenteuerlichen Flucht durch die unterirdischen Gänge von Neuss hat er keine Chance, wenn die Dunklen ihm nicht helfen. doch ist er ihr Verbündeter oder vielleicht nur ein Lockvogel, der selbst am Ende zum Opfer werden soll?
Der Titel des Buches könnte nicht besser gewählt sein, denn das Ziel des Buches liegt wohl darin, den Leser in die tiefe Dunkelheit zu führen, und bei jedem verdächtigen Geräusch zusammenzuzucken. Auch wenn dies etwas übertrieben klingen mag, ist dies das Gefühl, welches mich beim Lesen überkam. Mit diesem Buch zeigt Hohlbein aufs neue, dass er Horror und Fantasy in eine Geschichte packen kann, ohne dass der Realismus auf der Strecke bleibt. Und wie immer schafft Hohlbein es, den Leser mit überraschenden Wendungen in der Geschichte zu verblüffen. Obwohl man schon damit rechnet, dass sich der Verlauf der Geschichte schlagartig ändert, ist man trotzdem überrascht, wie schnell und glatt der Wechsel vonstatten geht. Außerdem ist es ihm positiv anzurechnen, dass die hinter diesen Formulierungen stehenden Geschichten nach wie vor intelligente Fantasy- oder Horrorgeschichten sind, die einen immer wieder in die Welt von Wolfgang Hohlbein ziehen können. So ist es auch in diesem Buch, über das man inhaltlich nicht allzu viel verraten sollte, da die Unwissenheit um das, was eigentlich gerade passiert, einen großen Teil des Lesespaßes ausmacht. Selbst vom Lesen des Klappentextes vor der Lektüre des Buches würde ich abraten, denn er verrät schon zu viel über die ersten 200 Seiten des Buches.
Hohlbein kann fesselnd schreiben und seine Routine kommt in diesem Buch sehr positiv zur Geltung. Man erkennt sofort, dass der Autor schon einige Bücher dieser Gattung geschrieben hat und dass er sich auf diesem Terrain sehr wohl fühlt. Vorgänge werden plastisch dargestellt, die Charakterisierungen sind zwar kurz, aber kurz und treffend. Es macht von der ersten Seite an Spaß, dieses Buch zu lesen und spätestens ab Seite 200, wenn man zu ahnen meint, worum es geht, möchte man das Ende erfahren und will unbedingt wissen, welche Rolle Vera spielt. Und, soviel sei verraten, das Ende erfüllt die aufgebauten Erwartungen und vermag dennoch zu überraschen. Wolfgang Hohlbein hat mit diesem Buch seine Liste von atemberaubenden Fantasy- und Horrorgeschichten um ein weiteres Meisterwerk erweitert und ihm ist es erneut gelungen, dem Leser eine spannende und sehr unterhaltsame Geschichte zu erzählen, die für jedermann geeignet ist und deshalb kann ich dieses Buch nur weiterempfehlen.
Schlüsselszene
Auszug aus den Seiten 346, 347:
Der Vorraum der Toilette war heller als die Gaststube, denn es gab ein - zwar vergittertes - Fenster, und die Deckenbeleuchtung brannte. Nach der Düsternis des Schattenreiches, in dem er sich gerade bewegt hatte, kam ihm die kalte Sachlichkeit des weiß gekachelten Raumes wie eine Erlösung vor. Er hob die Hand, fuhr sich mit gespreizten Fingern durchs Haar und trat an eines der beiden Waschbecken. Gerade noch rechtzeitig, um den Schatten zu bemerken, der hinter ihm davonhuschte. Jan fuhr auf dem Absatz herum und breitete die Arme aus, bereit, zuzupacken oder sich auch zu verteidigen, je nach dem. Aber hinter ihm war niemand. Er war allein. Jans Herz begann zu hämmern. Es stimmte nicht. Er war nicht allein. Jemand - etwas - war hier, unsichtbar, aber so präsent, daß er es beinahe greifen konnte. Vorsichtig drehte er sich wieder um, sah in den Spiegel und veränderte ein paar Mal den Blickwinkel. Der Schatten tauchte nicht wieder auf, aber er spürte, dass der Fremde noch da war; jetzt vielleicht noch intensiver als zuvor. Ein weiteres Puzzleteil gesellte sich zu dem Bild, das langsam in seinem Kopf Gestalt annahm: Vera hatte den Spiegel im Schlafzimmer nicht von ungefähr zerbrochen. Es war keineswegs so, dass diese Wesen, die ihm folgten, in Spiegeln nicht sichtbar waren, wie die Mythologie behauptete. Im Gegenteil: Sie waren nur im Spiegel sichtbar. Er hatte den Dunklen in dem Spiegel in seiner Diele gesehen und auch Vera, einen Tag zuvor, im Badezimmerspiegel. Ihre suggestive Kraft reichte vielleicht, Menschen nur das sehen zu lassen, was sie ihnen gestatteten, aber nicht, die physikalischen Grundregeln außer Kraft zu setzten.