Vor nun einhundert Jahren erschien Eduards von Keyserling (1855-1919) Roman "Dumala". Die Handlung ist schnell erzählt. Dumala, so heißt der Schauplatz der Handlung: ein stiller Winkel, den man sich am besten irgendwo im Baltikum denkt, das war Keyserlings Heimat. Dumala, so heißt außerdem das Schloss, das der Graf Werland, ein schwer kranker Mann, gemeinsam mit seiner schönen Frau, Karola, bewohnt. Sie hat ihn zu pflegen, ist ihm zur Treue verpflichtet: muss ihm die schmerzenden Beine reiben, seine Zynismen ertragen. Dafür entschädigt sie sich, indem sie die Blicke der Männer auf sich zieht, und ihr Spiel mit ihnen treibt. Damit wird sie zur zentralen Figur, um die sich folglich alles bewegt: sich annähert, und wieder entfernt. So ist es mit dem stattlichen Werner, dem Pastor des Ortes, dem treu sorgenden Ehemann. Und so ist es mit Rast, dem einsamen Rastlosen, dem Zuschauer seines eigenen Ich. Ein fröhliches Kommen und Gehen, ein feines Arrangement der Beziehungen. Wie gerne würde der totkranke Graf dem unwürdigen Spiel ein Ende bereiten! Aber wie soll er das tun, so ganz ohne Beine! Und auch Pichwitt, der empfindsame Diener, wird das Unheil nicht abwenden können: er kann seiner Herrin nicht untreu sein...
In dem Roman gibt es einiges aufzuspüren, vielem kann nachgespürt werden. Was sich in der knappen "Inhaltsangabe" wie ein lustiges perpetuum mobile ausnimmt, ist tatsächlich eine meisterhaft erzählte Geschichte: traurig und heiter, manchmal ganz vertrackt, und dann wieder schlicht und ganz klar.
Keyserlings Qualitäten als Schriftsteller liegen besonders auch im Formalen. Man darf Keyserling getrost einen Meister des Stils nennen. Doch ist er das sicher in ganz anderer Weise, als beispielsweise - Thomas Mann. Keyserling liebt die Ausführlichkeit nicht. Jedes Abschweifen wird sorgsam vermieden, jedes Beiwerk verschmäht, und das Verschwiegene zählt bei ihm fast noch mehr als das Geschriebene. Einige Sätze, die einem bei ihm begegnen, sind von geradezu zwingender Einprägsamkeit. So auch der letzte in dem Buch:
"Seltsam! dachte Werner, da glaubt man, man sei mit einem andern schmerzhaft verbunden, sei ihm ganz nah, und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem andern vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer den anderen aus seiner Einsamkeit heraus."
Das ist die gepflegte Melancholie, die man von Keyserling eben erwartet. Doch nirgends hat Keyserling dieses bohrende Gefühl der Einsamkeit so deutlich eingefangen, wie hier. Nirgends tritt dieses Problem dem Leser so schmerzlich vor Augen, wie in diesem Roman: ganz gleich, ob allein, oder in Gesellschaft.