Zunächst: Bei der anderen Version, der Insel-Ausgabe (
hier) gibt es eine sehr stimmige und gute Rezension von "kpoac". Ich empfehle sie wärmstens!
Die Duineser Elegien werde ich, da sonst die Rezension hier zu lang werden würde, als einzelnes Werk
hier abhandeln. Gesagt sei aber auch in dieser Rezension, dass man bei ihnen von den vollkommensten und zugleich kaleidoskopartigsten Gedichten reden könnte, die je geschrieben wurden. Sie halten genau die Waage zwischen Hoffnung, Trost und dem Gefühl des C'est la vie.
Die Sonette an Orpheus sind Gesänge. So könnte man von ihnen sprechen. Ihr ganzes Kreisen, das sprachlich und metaphorisch über alles hinausgeht was Rilke in seinen drei Gedichtbänden (
Das Stundenbuch,
Das Buch der Bilder und
Neue Gedichte) schon an Tiefe gewohnen hatte, ist hymnisch und leise flüsternd zugleich. Ich empfehle die anderen drei Bände (in dieser Reihenfolge) unbedingt und würde auch empfehlen so Rilke kennen zu lernen, bevor man sich diesem letzten Spätwerk zuwendet.
"Euch, die ihr nie mein Gefühl verließt,
grüß ich, antikische Sarkophage,
die das fröhliche Wasser römischer Tage,
als ein wandelndes Lied durchfließt."
Beide, die Elegien und die Sonette bilden Pendanten zu dem jeweils anderen: Hier die kraftvollen, weiten, philosophischen, freien Epen; dort die streng gereimten, fröhlichen, fast heiteren, manchmal sanften, offenen Lieder. Doch ist ihnen die tiefe von Metaphorik und Bild gleich, eine kaum mehr zu assoziierende, symbolische Verstecktheit; aber auf irgendeine Weise, lässt auch diese scheinbare Hermetik, die erstaunlichsten, schönsten Bilder und Reime durch:
"Heil dem Geist, der uns verbinden mag;
denn wir leben wahrhaft in Figuren.
Und mit kleinen Schritten gehn die Uhren
neben unserm eigentlichen Tag."
Und so manche Zeile scheint auch eine tiefe, begreifbare Wahrheit zu enthalten:
"Du, mein Freund, bist einsam, weil...
Wir machen mit Worten und Fingerzeigen
uns allmählich die Welt zu eigen,
vielleicht ihren schwächsten, gefährlichsten Teil."
Rilke war auch schon immer ein Dichter der Vergänglichkeit - und zugleich des Bejahens. Dies beides bringt er auf wundersame Weise immer wieder zusammen:
"Was haben die Augen einst ins umrußte
lange Verglühn der Kamine geschaut:
Blicke des Lebens, für immer verlorne.
Ach, der Erde, wer kennt die Verluste?
Nur, wer mit dennoch preisendem Laut
sänge das Herz, das ins Ganze geborene."
Rilke, der bald, im Jahre 1925, starb, entlässt und auf wunderschönste, vollkommenste Weise:
"Stiller Freund der vielen Fernen, fühle,
wie dein Atem noch den Raum vermehrt.
Im Gebälk der finstern Glockenstühle
laß dich läuten. Das, was an dir zehrt,
wird ein Starkes über dieser Nahrung.
Geh in der Verwandlung aus und ein.
Was ist deine leidendste Erfahrung?
Ist dir Trinken bitter, werde Wein.
Sei in dieser Nacht aus Übermaß
Zauberkraft am Kreuzweg deiner Sinne,
ihrer seltsamen Begegnung Sinn.
Und wenn dich das Irdische vergaß,
zu der stillen Erde sag: Ich rinne.
Zu dem raschen Wasser sprich: Ich bin."
Lesen sie diese Werke. Denn man ist und sollte lesen, vor allem das Wunderbare.