"... als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
uns zu zerstören." (Rilke, 1. Elegie)
Rainer Maria Rilke (1875-1926) hat als Spätwerk in unterschiedlichen Phasen die Duineser Elegien verfasst. Dieser vorliegende Band beinhaltet ausschliesslich die Elegien, sie sind aus dem Besitz der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe, wie der Introitus belegt, diese Auflage aus dem Jahre 1955. Ein Geschenk.
"Es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, ..."
Diese Liebestheologie Rilkes transformiert die Liebenden. Nicht die Liebe an sich, sondern die Liebe des Unerreichbaren und des Verzichts wird erhöht, nicht der Besitz der Liebenden gegen- und füreinander, sondern gerade der Abstand, die Weite, das Unerfüllbare machen die Liebe im Sinne Rilkes vollständig und voller Sehnsucht. Nichts bleibt "als ein Baum am Abhang, den wir täglich wiedersähen" und doch ein "Wind voller Weltraum", der am Angesicht zerrt, sanft enttäuschend. "Ist es nicht Zeit, dass wir uns liebend befreien ..." schreibt er in der ersten Elegie, wohl wissend, dass nichts von Bestand ist, im Abstand sich jedoch die Vernunft in Poesie verwandelt. Die Struktur der Elegie tritt hinter den Klagegesang zurück, der zu einem Pathos des Leids wird. "Denn Bleiben ist nirgends" weiss er zu gut und so wandelt sich die wirkliche Welt in eine erhabene Daseinsform der Engel, der Stimmen aus dem All, die die elementaren Erfahrungen von Schmerz und Tod mit einschliessen.
Rilke ringt mit all seiner Lebenserfahrung, weiss um Leben, Verlust und Tod und denkt gerade noch daran, dass "das Totsein ... voller Nachholn" ist und vermisst doch im Leben den Gleichschlag der Zugvögel. Zehn Elegien ringen um Liebe, Sehnsucht, Verlust, Schmerz und Tod. Sie sind Klagelieder und Jubelhymnen, sie klagen über Unvollkommenheit, und die Gebrochenheit des menschlichen Daseins, sie sind metaphysisch in einer anderen Welt und doch ringen sie um das "Hiersein ist herrlich" (7. Elegie). Letztendlich bleibt die Fülle des Daseins auch im Abschied, denn nur die Annahme von Leid und Schmerz erzwingt auch die Fülle in Allem. Als Wesen außerhalb der zeitlichen und räumlichen Ordnung sind die Engel zustimmender Jubel, der zwischen Leben und Tod nicht unterscheidet. Wie bei Pindar rühmen die Elegien junge Helden und junge Tote.
Die Fünfte Elegie ähnelt einem Zirkus der Virtuosen in ernstlicher Lebensnähe, modernes Leben in seiner Vielfalt, zwischen Zustimmung, Kleimmut und übersinnlichem Dasein zeigt sich die "schwankende Waage". Es ist der unbekannte Platz der Zukunft, der all denen hohe Figuren verheisst, "die's hier bis zum Können nie bringen".
Rilkes Duineser Elegien sind von einer Sprachgewalt, von bestechenden und phantastischen Bildern, die den Leser nie in seiner Ganzheit umfassen und die der Leser ebenso nicht zu umfassen im Stande ist. Diese Elegien sind Lebenswerk Rilkes und sie werden so Lebenswerk des Lesers, denn mit seinem Leben und den darin enthaltenden Erfahrungen wird sich dieser Text immer wieder neu präsentieren. "Denn ihm haftet immer an, was uns / oft überwältigt, - die Erinnerung,"
An Stefan Zweig erinnernd, sind Rilkes Elegien wie ein Tropfen, spiegelnd gegen den Himmel gehalten, sie sind geheimnisvolle Durchsichtigkeit des Wesenhaften, sie sind neue Annäherung zu neuer Vollendung.