"Und die Zeit strömt
von Osten nach Westen
mit Mondgeschwindigkeit."
(Tomas Tranströmer)
Wie oft können wir in Gesprächen hören: Das Jahr ist so schnell vergangen! Wie kann das nur? Denken für und wider die Zeit ist eine Aufgabe, die sich dieser Verlag widmet und er fand mit Byung-Chul Han, Professor für Philosophie, einen brillanten Erklärer der Kunst des neuen Verweilens. Denn für ihn ist alles eine Erzählung, in der die mythische und geschichtliche Zeit (
vgl Mircea Eliade; Kosmos und Geschichte: Der Mythos der Ewigen Wiederkehr) mit ihrer narrativen Deutlichkeit gegen eine Zeit des Schwirrens steht, in der einzelne Bezugspunkte zwar Erlebnisinhalt haben aber keinen Zusammenhang. Die Versuche in der Zeit der Optionen, Leben als Sprung zu leben, um nichts zu verpassen, entziehen zugleich dem einzelnen Tun ein Gefühl der Dauer und verzichten auf jeden Kontext.
Das allzu starke Bestreben im "vita activa", sich als Dauerbeschäftigter zu beweisen, entzieht dem Selbst jene notwendige (Selbst-)Zuwendung, die sich im "vita contemplativa" herausbildet. Vom Imperativ der Fremdbestimmung oder -Überredung will Han zurückführen auf einen Imperativ der wahren Welt und des bestimmenden Selbst. Er möchte nicht mehr die Fülle der Zeit, sondern die Erfüllung in ihr. Daraus folgt, dass nicht die unabhängigen Erlebnisorte - in Hast und Eile phlegmatisch besucht - das Leben bestimmen sollen, sondern die Kunst des Verweilens eine neue Bedeutung gewinnt. Er begibt sich in die Richtung der Proust'schen wiedergefundenen Zeit, die auch eine Zeit der langen Weile ist, eine, der man das Schnelle, Neue, Fremde entzogen hat. Proust Strategie der Dauer lässt die Zeit duften. Sie macht wieder klar, dass man geschichtlich existiert, dass man einen Lebenslauf hat.
Nach Nietzsches Zarathustra ist die Richtungslosigkeit, die Orientierungslosigkeit der verirrten Zeit nur um den Preis von Flucht und Wille, sich selbst zu vergessen, zu haben. Für ihn gilt, wer an das Leben glaubt, gibt sich nicht dem zufälligen Augenblicke allein hin, sondern sucht eben seine Bezugspunkte, die die Zeit des Verweilens ohne
Blödmaschinen bieten, um zu leben und sinnvoll zu genießen, in dem man nach Proust, Erinnerung und Wiedererweckung im "betörenden Duft der Zeit" als eine "Freundlichkeit des Seins" erfährt.
Als Wilhelm Genazino 2004 den Büchner-Preis bekam, bezog er seine Dankesrede eben auf den Namensgeber des Preises, insbesondere war sein Leitspruch: Finger weg von unserer Langeweile. Mit
Leonce und Lena führt er bravourös in den leeren Raum, den diese Langeweile bietet, um ihn mit aller Phantasie zu füllen. Er erklärt jeden Erlebnisplaner zum Feind. Denn für ihn wie für Büchner gibt es kein Leiden an der Langeweile. Bei Büchner wird Langeweile nicht vertrieben, sondern angenommen. Langeweile bei Büchner ist akzeptierte Nutzlosigkeit, die beim Subjekt bleibt, wie es auch dem
einsamen Spaziergänger Rousseau ein Anliegen war.
Diesen Weg zum besinnlichen Leben geht Han nun auch. Und er findet sogar Zuspruch in den letzten Zeilen von Hannah Arendt, die zwar das "vita activa" in den Vordergrund stellt, doch am Ende nicht verschweigen kann, dass das Denken der Wenigen dem "vita contemplativa" entspricht und Han stellt fest, dass das "animal laborans" nicht zu denken vermag während der Tätigkeit. Daher plädiert er für die Zeit des Verweilens, für die kreative Langeweile und der Rezensent erinnert gern an Pascal, der feststellte, dass nur aus einer Position der Ruhe sich die Bewegung der anderen, der Welt und auch die darin Ruhenden sichtbar werden. Thomas von Aquin befand das Leben gar ohne jeden kontemplativen Moment als verarmt. Aber nicht nur die genannten sind beratend, vor allem denkt Han an Heideggers Philosophie entlang, findet Spuren in der Religionssoziologie eines Max Webers, Interessantes im Verhältnis zum Kapitalismus, wie Marx ihn sah und wie Weber ihn aus dem Geist des Protestantismus entstehen sah. In allem lässt sich die Gegenüberstellung der beiden Lebenskonzepte finden und doch auch die Quintessenz: "Die vita contemplativa ohne Handlung ist blind. Die vita activa ohne Kontemplation ist leer." Oder: "Arbeit und Ruhe gehören zusammen wie Auge und Lid."(Rabindranath Tagore)
Festzustellen bleibt, dass eben jede Art von Kontemplation, von Verweilen, von wahrhaft Aufnehmen, die Zeit in ihrer Quantität (Fülle) in den Modus der Qualität (Erfüllung) hebt und den Menschen selbst in seinem Charakter bildet, wenn "das beschauliche Element in großem Masse" (Nietzsche) verstärkt wird.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, kurzweilig und auf der Höhe der Zeit. Advent ist so eine Zeit des Wartens und der Besinnung. Und: man lernt so nebenbei genügend über Heideggers "Sein und Zeit" und ebenso en passent über Marcels Prousts "Suche nach der verlorenen Zeit".
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