Sie gehören zu den berühmtesten gemischten Doppeln in der Geschichte des Pop -- mehr noch: Sie sind höchstwahrscheinlich das anrührendste Duo der letzten hundert Jahre. Egal ob mit jugendlichem Elan oder von Alter und Krankheit gezeichnet: Johnny Cash und June Carter Cash gehören (leider: gehörten) nicht nur solo zu den Großen der Branche, sondern sind auch als Duett kaum zu schlagen. Da ist zum einen Cashs charakteristischer, von Anfang an mit Schrammen und Narben übersäter Bass und seine traumwandlerisch sichere Intonation, die auch vor geballter Emotion nicht zurückschreckt und dabei nie kitschig oder peinlich wird -- und zum anderen June Carters leicht kieksiger und doch kraftvoller Sopran, immer eine Sechzehntel-Note neben der Spur, nie falsch, aber immer unverkennbar, und dazu ihr energiegeladener Gesang, nicht zu bremsen -- und stets zur Selbstironie bereit.
Diese beiden Stimmen bzw. Persönlichkeiten im Duett zu hören, hat einen ganz besonderen Reiz; June Carter und Johnny Cash waren Vollblutmusiker, denen keiner sagen musste, was wie interpretiert werden muss. Und die Harmonie zwischen den beiden ist einfach umwerfend.
Außerdem kann man mit dieser Zusammenstellung die musikalische Entwicklung der beiden ein wenig nachvollziehen: Die CD "Duets" schreibt nämlich eine Art musikalische Kurzbiographie von Johnny Cash und June Carter von 1964 ("It Ain't Me, Babe") bis 1983 ("Brand New Dance") -- von unbekümmerten, musikalischen Energiebündeln aus den 60er Jahren mit "Jackson", "Long-Legged Guitar Pickin' Man" usw., oder "Darlin' Companion" (aus dem San-Quentin-Konzert), über Ausflüge zu Folk und Pop bis hin zu eher getragenen Balladen wie z.B. "The Loving Gift" oder "The Pine Tree" und dem wunderschön altmodischen, melancholischen "Brand New Dance" in beschwingtem 6/8-Takt.
Allerdings stört bei einigen Aufnahmen aus den 70ern die etwas breit geratene Instrumentierung im Stil der Zeit, die den ein oder anderen Song nicht so wirken lässt, wie er wirken könnte. Und das bei diesen zwei Stimmen, die nun wahrlich keine Verstärkung brauchen, am allerwenigsten von einem ganzen Regiment Streichern und/oder Bläsern... Besonders deutlich ist das in "Far Side Banks of Jordan" und "Old Time Feeling" -- wunderschöne Songs, die ohne diese Streicher- bzw. Bläser-Armada im Hintergrund noch überzeugender wären. Ähnliches gilt auch -- leider, leider! -- für das ergreifende Schlusswort dieser CD, das postum fertigproduzierte "It Takes One to Know Me": ein maßgeschneiderter, rührender Song, einfühlsam gesungen -- und von allzu vielen allzu süßlichen Streichern leider allzu weichgespült. Was in diesem Song drinsteckt, zeigt nicht nur Cashs spartanische Version auf "Personal File", sondern auch die Passagen in dier hier vorliegenden Aufnahme, in denen der Produzent sich gezügelt hat und die Stimmen von June Carter und Johnny Cash dominieren lässt.
Eine schöne, harmonische CD also, auch ein Dokument der beeindruckenden Beziehung zweier Künstler, die sich offenbar nicht nur privat ergänzten. Den Dokument-Charakter unterstreicht auch das Booklet, das zu jedem Song Erstveröffentlichung, Produzent usw. nennt; im Fall von "It Takes One to Know Me" kann man auch lesen, wie der Song postum 2004 fertigproduziert worden war.
Wer Johnny Cash allerdings nur von seinen "American Recordings"-Alben kennt, wird erst einmal zusammenzucken, denn June Carter und Johnny Cash präsentieren sich hier weitgehend als Country-Musiker -- allerdings als neugierige Country-Musiker, die viele Stilelemente aus Folk, Pop und Gospel aufgreifen und in ihre Musik integrieren. Das Reinhören lohnt sich also ebenso wie das Zum-x-ten-Mal-Wiederhören, wenn nicht gar das eine zum anderen führt...
Schöne Töne -- ein harmonisches, gediegenes Album für ruhige Stunden; ideal, um den Alltag auf Abstand zu halten.