Tony Bennett ist schon ein Phänomen und nicht minder inzwischen eine Legende. In den 50er und 60er Jahren ritt er auf einer Welle des Erfolges und galt als Jüngster der großen Crooner und Swing-Jazz-Matadore, die im Kosmos um Frank Sinatra (der ihn einmal öffentlich als besten Sänger der Welt bezeichnete! Welch Kompliment!) kreisten.
Doch dann sank sein Stern und über zwanzig Jahre traf man ihn nur noch in kleinen Jazz-Clubs oder auf Dinner-Partys, wo er seine ewigen Klassiker wie "I left my heart in San Fransisco" zum Besten gab.
Mit immerhin schon 65 Jahren galang Bennett zu Beginn der 90er Jahre ein Comback, was nicht nur ein Aufflackern alten Glanzes war, sondern ohne Unterbrechung bis heute anhält und selbst seine frühe Karriere um 1960 inzwischen in den Schatten stellt. Beinahe jedes Album der letzten zwanzig Jahre war in den USA in den Top 10, verkaufte sich Millionen male, wurde mit Grammy-Awards geehrt und mit fast 70 Jahren, war er der bis heute älteste Künstler den MTV zu seinen legendären "MTV unplugged" Sessions einlud. Es wurde ein triumphales Konzert.
Nun ist Tony Bennett 85 Jahre alt geworden und ergänzt sein eindrucksvolles Lebens-Werk um ein weiteres großes Album. Sicherlich, die Idee ist nicht besonders originell, aber ein 85jähriger muß auch nicht mehr mit Originalität seinen Status beweisen. Vor zehn Jahren lud er Freunde zum Blues (T.B. and friends play the blues") und wie wiederum vor fünf Jahren ("Duett - An American Classic") finden sich auf "Duetts II" eine illustre Schar von Musikern aller Coleur ein, um Tony Bennett swingend Tribut zu zollen.
Alle Gäste sind kompatibel mit Bennetts Stil aus lässigem Swing-Jazz mit leichten Blue-Notes. Insbesondere die junge Trend-Charts-Fraktion überrascht mit unerwartet viel Talent. Ich will gestehen, daß ich Lady Gaga nicht zugetraut hätte, sich so phantastisch in dieses Sound-kleid hineinzufühlen.
Ein wahres Highlight des Albums ist sicher auch das (zu erwartende) Duett mit Bennetts favorisierter Duett-Partnerin K.D.Lang. Am meisten funkelt der Jazz aber beim Gipfeltreffen mit Aretha Franklin, mit der er "How do you keep the music playing" aufnahm. Es ist das einzige Lied, was auch auf der "Duets" vor fünf Jahren vertreten war. Damals allerdings in einer sehr hymnischen, ebenfalls sehr eindrucksvollen Interpretation mit George Michael.
Überraschend gelungen, ist die Fusion zweier denkbar gegensätzlicher alter Männer. Gemeint ist das Duett mit Country-Legende Willie Nelson. Gemeinsam swingen sie "On the sunny side of the street" - einfach nur großartig!
Man kommt nicht umhin, wenn man über das neue Album von Tony Bennett redet, auch von Amy Winehouse zu reden. Die Qualität ihrer gemeinsamen Aufnahme von "Body an soul" sollte aber der wesentlich Grund dafür sein. Eine wunderbare Version dieses Klassikers ist da entstanden und ganz sicher nicht zuletzt dank der Einmaligkeit von Amy Winehouse.
Es erfüllt schon ein großes Maß an Tragik, wenn eine 27jährige einer Musiker-Legende zum 85. Geburtstag Tribut zollt, mit ihm ein Lied einspielt und selbst dessen Veröffentlichung einige Wochen später nicht mehr erlebt.
Es steht mir nicht zu, mich ausführlich über Amy Winehouse zu äußern. Dafür kenne ich sie zu wenig. Auffällig und anrührend ist aber, daß sie im totalen Gegensatz zu ihren eigenen Video-Clips und umso mehr zu ihren teilweise katastrophalen Konzerten in den letzten Jahren, im Video zu "Body and soul" mit Tony Bennett vollkommen in sich ruhend wirkt. Seltene Aufnahmen einer anscheinend, zumindest für den Moment, wirklich ausgeglichenen Amy Winehouse. Da ist keine Spur von der sie sonst stets umgebenden Wirrheit und der ewigen Anti-Pose. Natürlich ist es ein professionelles Video und man sollte nicht zuviel hineindeuten, ein schönes Vermächtnis ist es allemal.
Hat das Album Schwächen? Wenn ja, dann nur die, daß es fast zu perfekt geraten ist.