Dies ist im eigentlichen Sinne kein Kurzgeschichtenband. "Dubliners" besteht zwar aus 15 abgeschlossenen Kurzgeschichten, die aber alle thematisch sowie leitmotivisch miteinander verbunden sind. So sind die Protagonisten der Geschichten 1-3 Kinder, 4-7 Teenager oder Frühzwanziger, 8-11 Erwachsene bis ungefähr 40 und die Storys 12,13, und 14 beleuchten das Leben verschiedenster Charaktere im öffentlichen Leben.
Absoluter Höhepunkt des Buches ist aber "The Dead", die letzte Geschichte, die mit 60 Seiten eigentlich schon zu lang für eine Kurzgeschichte ist und daher eher als Novelle zu bezeichnen ist. Anlässlich eines Tanzfestes treffen hier verschiedenste Charaktere unterschiedlichen Alters aus unterschiedlichen sozialen Schichten aufeinander. Schon von Beginn an wird die oberflächliche Harmonie von einer latent vorhandenen Spannungen und Missstimmungen getrübt. Im Mittelpunkt stehen Gabriel und Gretta Conroy, ein seit Jahren verheiratetest Ehepaar. Gabriel muß gegen Ende der Geschichte hin durch ein eigentlich nichtiges Ereignis erfahren, dass er und seine Frau sich über die Jahre hin entfremdet haben, ohne dass er es gemerkt hat.
"Dubliners" ist sicherlich der beste Einstieg in das Werk von James Joyce. Die Geschichten sind (für Joyce Standards) konventionell geschrieben, obwohl hier auch schon seine Liebe für experimentelles Erzählen a la "Ulysses" erkennbar wird (free indirect discourse v.a. in "The Dead"). Außerdem übersieht man bei nur oberflächlichem Lesen die Verbindungen zwischen den einzelnen Geschichten, wie zum Beispiel die immer wiederkehrende Motive Geld, Dunkelheit, Religion, Nation oder epiphany (Erleuchtung, Erscheinung).
Zu "The Dead" gibt es übrigens eine sehenswerte Verfilmung mit Angelica Houston als Gretta Conroy und Colm Meany, den Chief O'Brien aus Star Trek, in einer Nebenrolle.