Der Thüringer Michael Schindhelm ist ein Kulturmanager der immer wieder einmal für Schlagzeilen sorgt. Er hat in der Sowjetunion Quantenchemie studiert. Nach seiner Rückkehr hat er sich dann in Deutschland von der Wissenschaft verabschiedet. Nach dem Zusammenbruch der DDR startet er eine fulminante Karriere. Er wird Theaterintendant von Nordhausen, Gera und Basel. Am Ende ist er Direktor der deutschen Opernstiftung. Ihm unterstehen 2005 die drei Berliner Opernhäuser. Zum obersten Kulturmanager findet er allerdings keinen rechten Draht, kann seine Ideen nicht realisieren und legt daraufhin sein Amt 2007 nieder.
Danach bricht er nach Dubai auf, dort wo die Welthauptstadt des 21. Jahrhunderts entstehen soll, versucht er westlicher Kultur zu Ansehen zu verhelfen. Doch bei seinem Vorhaben eine Superlative zu schaffen, indem er die boomende Stadt zu einer Weltkulturmetropole macht, merkt er sehr schnell das es auch hier in erster Linie um Business geht. Die Nähe zu den regierenden Scheichs ist auch da kein Rettungsanker.
Als die Weltwirtschaftskrise auch das Emirat trifft sind Schindhelms Wüstenträume schnell beendet, denn alle Objekte die keine Rendite abwarfen standen plötzlich auf dem Prüfstand, in einem Emirat das vor der Pleite stand.
Schindhelm berichtet in "Dubai Speed" über, seine Sehnsüchte nach einer neuen Kulturwelt, seine Erfahrungen wie man als Europäer zwischen "traditionellen und modernen Nomaden" lebt, wie die Gegensätze von Ost und West aufeinander treffen, von der Kühnheit der Emiratis in diesem Teil der Welt eine weltoffene islamische Gesellschaft aufzubauen, von den Entscheidungsträgern in der abgeschotteten Welt des Hofstaats und natürlich von seinen Selbsterkenntnissen, seinem Respekt und seinem Scheitern.
Schindhelm war 2007 und 2008 in Dubai als Kulturmanager. Dubai war ein Abenteuer, die Illusionen sind verflogen, es war eine relativ existenzielle Erfahrung, denn sowohl die kühne Strategie als auch das Wertesystem veränderten sich grundlegend. Es gab in einer Stadt, die so groß wie Hamburg ist, keine kulturelle Infrastruktur. So war es zunächst eine der wesentlichen Aufgaben öffentliche Räume zu finden und zu entwickeln.
Eine wesentliche Frage war, wie sich in einer Stadt, die zu einem Drehkreuz für die halbe Welt wird, dazu noch mit islamischen Hintergrund und Nachbarn wie Iran, Irak, Saudi-Arabien, Jemen, Afghanistan und Pakistan es gelingen konnte so etwas wie eine lokale, das heißt emiratische kulturelle Identität aufrecht zu erhalten oder weiter zu entwickeln. Wie kann im Zeichen der Globalisierung die lokale Eigenständigkeit überhaupt bestehen? Von der Lösung dieser Fragen erzählt dies Buch vordergründig, auch wie die emiratische Bevölkerung sich zu orientieren versucht.
Auch wenn, nicht allein auf Grund der Finanzkrise, die meisten von Schindhelms Projekten, wie zum Beispiel das gewünschte Opernhaus scheiterten, so ist es ihm doch gelungen, dass sich heute in Dubai viel mehr Menschen mit Kunst beschäftigen. Eine ganz Reihe von kleinen Aktivitäten, die man nicht gerade auf den Frontseiten der Presse findet, haben dazu beigetragen das eine Stadt ihre Mentalität geändert hat und so spürt man an vielen Orten, dass der "Dubai Speed", die Geschwindigkeit mit der sich die Stadt entwickelt hat, auch in Bezug auf die Kultur einiges bewirkt hat.
Ursprünglich wollte man Kultur als großes Geschäft betreiben, Kultur sollte als Marketinginstrument eingesetzt werden, wobei solche Ideen für unterschiedliche Kulturprojekte wie Museen, Konzerthallen oder Theater nicht selbst aus dem Emirat kamen.
Wenn man immer gedacht hatte Entscheidungswege bei uns seien verschlungen, dann kann man aus diesem Buch erfahren, dass es dort noch viel komplizierter ist, denn die arabische Welt hat ja bisher keine wirklich moderne Verwaltung oder Politik hervorgebracht. Dubai ist auf der einen Seite eine absolutistische Monarchie. Der Herrscher ist ein aufgeklärter Mensch und sagt dass Kultur ganz erheblich zur Entwicklung dazu gehört. Die Entwicklung war bisher davon bestimmt, dass das Land mit einem großen Reichtum gesegnet war, nämlich Erdölressourcen, die im Fall Dubai nur wenige Jahrzehnte halten werden. Deshalb wollte Dubai von der Droge Erdöl wegkommen. Die Zeit sollte genutzt werden eine Gesellschaft aufzubauen- Die Droge Öl die in den Händen der Herrscher war, wurde von der Droge Immobilien abgelöst. Daran hat sich nicht nur die ganze Welt beteiligt, sondern sie hat auch Glückssucher angelockt. So ist hier nun eine multikulturelle Gesellschaft entstanden, wobei nicht die Emiratis, sondern vielmehr Inder und Iraner die größten Investoren sind.
Schindhelm macht in seinem Buch an vielen Beispielen sehr deutlich, dass aus dem kleinen Familienunternehmen Dubai mit einer wahnsinnigen Geschwindigkeit ein riesiges Imperium geworden ist in dem ein einzelner Herrscher nicht mehr alle Entscheidungen selbst treffen kann. Als Europäer hat man immer das Gefühl im verkehrten Tempo unterwegs zu sein, einmal geht es zu schnell dann wieder zu langsam. Im Grunde trifft hier Absolutismus auf Neoliberalismus. Man versucht immer die Entscheidung zu ahnen, die der Herrscher möglicherweise treffen könnte, das machte die Arbeit für den Kulturmanager Schindhelm so kompliziert.
Zwei Jahre Dubai, außer Spesen nichts gewesen? Schindhelm gibt die Antwort in seinem mit vierzig Fotos von der französisch-kanadischen Fotografin Aurore Belkin versehenen "Tagebuch".