"Drawing Circles", das zweite Album der niederländischen Mathcore-Metaller, war ein Gemälde in grau-braun. Mit viel Gebrüll und Meshuggah-lastigem Geriffe statteten Textures damals ihren Sound aus.
2008 folgte "Silhouettes", plötzlich fanden andere Farbtöne ihren Weg auf das Album. Quasi-Hits von der Marke "Awake" und "The Messenger" standen neben nervenzerfetzenden Trips der "One Eye for a Thousand"- und "Erase a Lifetime"-Fraktion. Damals gab Eric Kalsbeek am Mikro den Ton an und das verdammt gut. Sein Organ erinnerte zwar an vielen Stellen an Devin Townsend, verlieh der technischen Muke aber ein nie für möglich gehaltenes Charisma. Ich denke da gerade an die Stelle in "Awake", in der es heißt:
"I refuse to pay the Ferryman"
Ohrgasmus, Freunde!
Nicht lange nach der Tour zum Album mussten Textures durch ein ziemlich dunkles Tal wandern. Keyboarder Richard Rietdijk verließ die Band, für viele wesentlich tragischer aber war der Ausstieg von Eric Kalsbeek. Seine tiefe, kraftvolle Stimme konnte nicht ersetzt werden, schrie die Fangemeinde einhellig. Für die Truppe war der Line-Up-Wechsel anfangs schwierig, erwies sich jedoch als "frischer Wind", denn der neue Keyboarder Uri Dijk und Sänger Daniel de Jongh (Ex-Cilice) füllten die klaffenden Lücken perfekt auf.
"Dualism" heißt das neue Werk der Tech-Prog-Core-Metaller. Um es vorwegzunehmen: Die Mission, ein klasse Album nach dem sowieso schon meisterhaften "Silhouettes" abzuliefern, ist gelungen. Die Scheibe ist bunter, frischer, luftiger, als alles, was die Band je zuvor geschrieben hat, bewahrt sich aber gleichzeitig seine kompromisslose Härte. Daniel de Jongh enttäuscht in keiner einzigen Minute, sein (etwas höher angelegter) Klargesang überzeugt genauso wie seine Growls und Shouts. Da wird einem gleich wohlig ums Herz, wenn Textures wie gewohnt ihre hochkomplexen Polyrhythmus-Orgien mit packenden Melodien verschmelzen - am besten gelungen in "Singularity", "Black Horses Stampede" oder "Stoic Resignation". Auch ein obligatorischer Ohrwurm findet sich im Gewummer, der auf den schönen Namen "Reaching Home" hört und mit einem Sucht-Gitarrenriff aufwartet, der den Laser in meinem CD-Player mindestens schon 20 Mal gesehen hat.
Textures haben es geschafft, eine Fortsetzung zu "Silhouettes" zu schreiben, den Ambient-Sounds und Melodien mehr Platz zum Atmen zu bieten und klanglich differenzierter zu agieren. Teilweise wird sich auf neues Terrain gewagt - z.b. in "Consonant Hemispheres", mit einer überraschend simplen Gitarrenfigur, die in einen pumpenden Groove übergeht - dies aber so dezent und gut im Bandsound integriert, dass nichts penetrant aus dem Gesamtbild heraussticht.
"Dualism" ist ganz klar ein "Brett", es ist ein Album mit stark verzerrten E-Gitarren, viel Bassdrum-Einsatz und aggressivem Growl-Gesang; trotzdem nimmt die Band den Hörer mit auf einen Trip, den besonders Fans von MESHUGGAH, TESSERACT, DEVIN TOWNSEND schnell aufsaugen werden. Ansonsten werden hier Freunde anspruchsvollen Metals ebenfalls voll auf ihre Kosten kommen. DER Anspieltipp im Modern Progressive Metal im Jahre 2011!
PS: Ein Wort zum Cover noch: Das Bild vereint sowohl Dynamik (gespanntes Seil, ein im Wind flatterndes Tuch, die Figur, die sich wie ein Tänzer biegt) als auch Ruhe (der schwarze Mond im Hintergrund, sowie die klare Linienführung im Design) und spielt wunderbar mit der "Dualismus"-Metapher - "Du hast die Möglichkeit: auf der einen Seite des Seils geht es in die Hölle, auf der anderen in den Himmel". Besser kann man die Musik auf einer CD nicht in Bildsprache fassen.
PPS: Und wer die ganze Zeit über gedacht hat, die Band habe sich mit Eric Kalsbeek zerstritten, der wird staunen, wenn er im Booklet liest: "Artwork by Eric Kalsbeek"...