Sie ist ein alter Hase der deutschen Reiseführer-Literatur: Birgit Borowski, die auch für den neuen DuMont-Bildatlas "Elsass - Unterwegs im Weinland" als Programmleiterin verantwortlich zeichnet. Programmleiterin? Klingt irgendwie degradiert. Denn in Zeiten des alten HB-Bildatlas' war sie noch Herausgeberin.
Keinesfalls degradiert ist das Werk als solches. Zumindest nicht, wenn man das mir vorliegende Heft - die im Frühjahr 2010 erschienene Ausgabe "Elsass" - zum Maßstab aller Dinge nimmt. Die von mir seit mehr als 30 Jahren geliebten HB-Bildatlanten sind aufgegangen in den neuen vertrauten DIN-A-4-formatigen Reiseführern, jetzt "DUMONT Bildatlas" genannt. Und sie haben einen deutlichen Relaunch erfahren: eine Optimierung, nicht zu ihrem Nachteil - vorausgesetzt der DuMont-Verlag hält das durch, was er ("Die schönste Verbindung von Information und Emotion") und das Elsass-Heft versprechen.
Zurück zu Birgit Borowski und dem östlichen Frankreich. "Wie kaum eine andere Region in Mitteleuropa steht das Elsass für Genuss" schreibt sie in ihren einleitenden Worten. Und Genuss, alleine schon zum Lesen (und Anschauen), machen die Autoren und Fotografen. Die danach anstehenden echttouristischen und realkulinarischen Aktivitäten lassen hoffentlich nicht mehr lange auf sich warten.
Der Aufbau der Reisekapitel bewegt sich geografisch, von Norden nach Süden, von Bitche (Bitsch) und Wissembourg (Weißenburg), über Strasbourg (Straßburg) nach Mulhouse (Mühlhausen) und Ferrette (Pfirt). [Die Zweisprachigkeit (nicht zuletzt in den Ortsnamen), die der Landschaft eine gewisse Exotik verleiht, zeugt vom historischen Hin- und Hergerissensein von Land und Leuten, von den politischen und kulturellen Besonderheiten dieser deutschen Sprachengruppe.]
Alles beginnt denn auch historisch, im Nordwesen, der "Nordflanke des Elsass", wie der Bildatlas die Gegend zu nennen pflegt: "Begehrt und umstritten, allzu verwundbar war bis ins 20. Jahrhundert" dieses Dreieck von Elsass, Lothringen und der Pfalz. "Ein sensibles Terrain", wo man auf den Höhen Burgen baute, "dann im Vorfeld Zitadellen. In den Tälern entstanden als solide Glaubensfesten Abteien. Wildwasser waren die Triebkraft früher Kleinindustrie. Jüdische Gemeinden genossen liberale Bürgerrechte." Wir befinden uns im Bereich der Deutsch-Französischen Touristikroute, im Naturpark Nordvogesen. "Zusammen mit dem Naturpark Pfälzerwald bildet er das erste grenzüberschreitende Biosphärenreservat Europas", wie uns Alphons Schauseil, der Autor der Reisebeschreibungen des Bildatlas', mitteilt.
Etwas östlicher - noch immer im Norden - geht's dahin "Wo Goethe sich verliebte." Wissembourg und Haguenau (Hagenau) bilden die Zentren dieser als "Krummes Elsass" bezeichneten Landschaft, einer "Region mit ihren vielen, meist ansteigenden Hügeln", "eine grüne Landschaft mit viel Wald und lehmreichen Böden, malerischen Fachwerkdörfern und traditionsreicher Töpferkunst." Auch kulinarisch hat diese Gegend einiges zu bieten. Der Rezensent kann's nur empfehlen: Climbach oder Liebfrauenthal sind Stationen, die noch dazu den Geldbeutel schonen. Andernorts ist das nicht immer der Fall.
In Folge gerät die geografische Abfolge etwas durcheinander. Es folgt auf der "Achse des Grand Crus" das Rechts und Links der Route des Vins d'Alsace (der Elsässischen Weinstraße) und der Route Choucroute (der Sauerkrautstraße) - anstatt das auf dem Weg von Norden nach Süden liegende Strasbourg. Obernai (Oberehnheim) und der Mont Sainte-Odile (Odilienberg), zwei unbedingt zu empfehlende Reiseziele. "Zu Odilias 'heiliger' Quelle hoch über der Weinstraße pilgern seit Jahrhunderten Gläubige, die Heilung von einem Augenleiden suchen", so der Wahlkorse Alphons Schauseil.
Zunächst vermisst, doch nicht gänzlich unterschlagen, kommt nun endlich "Ein Stück Europa", Strasbourg. "Gutenberg erdachte hier" die "neue Druckkunst. Goethe studierte und diskutierte; Mozart spielte Orgel, Kaiser Wilhelm I. prägte einen Teil der Stadt. Heute tagen Abgeordnete Europas in modernen Glaspalästen, in alten Weinstuben fühlen sich Feinschmecker aller Länder wohl." Das Münster, das auch hier - wie vielerorts die Hauptkirchen und Kathedralen in Frankreich - im Namen den Bezug zur Heiligen Mutter führt, "Notre Dame", etwas versteckt in der Altstadt, doch prächtig die Silhouette der Stadt überragend, ist das Wahrzeichen Straßburgs und das DuMont-Topziel des Straßburg-Kapitels. Doch was meint Herr Schauseil, wenn er schreibt, dass sich die Touristengruppen "im Innern des Münsters" zwischen den hohen Säulen und unter den fantastischen Buntglasfenstern gelangweilt abwenden, "wenn sie murmelnd oder schrill in Sprachen aller Kontinente auf die kirchlichen Wunder hingewiesen werden"? Schon seine Anführungszeichen beim heiligen Wasser des Odilienbergs kam mir verdächtig vor.
Straßburg verlassend, bieten sich die Höhepunkte der mittelelsässischen Wein-, Geschichts- und Kulturseligkeit. Die Haut-Koenigsbourg [die Hochkönigsburg (des deutschen Wilhelm II)] sowie die Kleinodien Ribeauville (Rappoltsweiler) und Riquewihr (Reichenweier) sind die Perlen der Weinstraße, in einer Gegend, die sich unbescheiden auch die Elsässische Schweiz nennt. In "Edler Wein in schlanken Flaschen" stellt uns Dina Stahn - "Das Elsass ist ein Weißweinland, sein König ist der Riesling" - eines der landwirtschaftlichen Haupterzeugnisse der Region vor. Wir begegnen den "großen Gewächsen" (den als "Grand Cru" bezeichneten Königsklassen französischer Weine), darunter die vom Rezensenten geliebten Muskateller und Gewürztraminer. Und wir erfahren: "Als schwarzes Schaf (...) gilt der Edelzwicker, ein Verschnitt aus verschiedenen Sorten." Edel geht der Wein zugrunde.
"Almen und Altäre" in Colmar und Umgebung, bilden das nächste Viertel in elsässischen Landen, das nächste Kapitel im Elsass-Bildatlas. Ausflüge führen in die hohen Vogesen. Endlos gefühlte Serpentinen lenken zum Col de la Schlucht. "Dort oben endet auch das alemannische Sprachgebiet." Vorher, in Munster, wird sich noch eindeckt mit der örtlichen Spezialität gleichen Namens, dem berühmten Münsterkäse, dem - wie zu lesen ist - "König der Elsässer Käse". [Königsburg, Königsklassen, Wein- und Käsekönige: bisschen viel Könige in den letzten beiden Absätzen.]
Landschaft und Reiseführer werden abgeschlossen durch Mulhouse (Mühlhausen) und den im Süden liegenden Stillen Sundgau. Was für Berlin seine Museumsinsel, das ist für das Elsass Mulhouse: nämlich seine Museumsinsel. Ein "Hort der Musen und Museen", wie es im DuMont zu lesen ist. Und in der Region fällt - neben vielem anderen - Ottmarsheim mit seiner Besonderheit ins Auge: der vereinfachte "Nachbau der karolingischen Pfalzkapelle Karls des Großen in Aachen."
Dumont-Bildatlas (Elsass). Vieles Gutes wurde von der HB-Konzeption übernommen (z.B. den strukturierten Aufbau), manches neue (gute) hinzugegeben. Wir lieben die Fotogalerien, den (quasi) redaktionellen Teil, die detaillierten Landkarten sowie die Städte- und Ortsinformationen zu den Landkarten. Und nichts ist zuviel von den neu dazu gekommenen Rubriken, so die DuMont-Themen, die Specials, die Tipps und Topziele (letztere unterteilt in Kultur bzw. Erleben). Ein obligatorischer Serviceteil - darunter Geschichte ("496 - Der Frankenkönig Chlodwig besiegt die Alemannen, das spätere Elsass wird Teil des Fränkischen Reiches"), Essen und Trinken ("Zu den feineren Gerichten kann ebenfalls das Sauerkraut gehören, dann aber ohne Schwein, sondern mit Fasan, Rebhuhn, Lachs oder Flusskrebsen"), Touristik-Straßen ("Karpfenstraßen/Routes de la Carpe Frite: verlaufen im Sundgau, rund um das Städtchen Ferrette"), Veranstaltungen ("Juli - Schneckenfest/Obernai und Rosheim ...") und Daten und Fakten ("Die Vogesen selbst messen rund 170 km Länge und 40 bis 45 km in der Breite") - rundet den gelungenen Bildatlas-Reisführer ab.
Keine Bildatlas-Bewertung, ohne die Arbeit der Fotografen zu würdigen. Zauberhaft "Das Auge des Elsass" von Melanie Dreysse. Ein kleines Meisterwerk auch die von Martin Kirchner als "Luftmalerei" abgelichtete Fassade des Mulhouser Rathauses - wobei ich mich frage, ob es nicht weniger die Fotografie, als die Fassade selbst ist, welche als das Meisterwerk zu gelten hat. Ähnlich verhält es sich bei der ebenfalls von Kirchner aufgenommenen "Berückenden Skulptur", dem grünstichigen Bartpfleger an der Kirche St-Pierre-et-St-Paul in Rosheim.
Von Fasanen, Rebhühnern, Lachsen und Flusskrebsen war die Rede. Doch das Elsass kann vieles noch toller: ohne sich unbewusst seiner Verantwortung gegenüber der Um- und Tierwelt zu sein, ohne sich dem miteinhergehenden schlechten Gewissen zu enthalten. "Für seine foie gras, Gänsestopfleber, ist das Elsass berühmt - und berüchtigt: Da die Herstellung der Gänsestopfleber aus Tierschutzgründen sehr umstritten ist, hat Frankreich die Stopfleber kurzerhand zu einem nationalen Kulturgut erhoben und damit außer Reichweite des französischen Tierschutzgesetzes gebracht. Weinbergschnecken und Froschschenkel (die ebenfalls auf der schwarzen Liste der Tierschützer stehen) gehören häufig zum Angebot guter Restaurants."
Doch bitte keine Verunsicherungen. Das Elsass ist jeden Tagesausflug, bzw. jede längere Reise Wert.
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