Ganz Ungeheuerliches passiert der Heldin in diesem Roman:
zwischen Wachen und Träumen, zwischen Wahn und Wirklichkeit erlebt Helene einen Alptraum. Sie öffnet die Augen, versteht nicht, wer da ist, was da passiert, wer redet und schweigt, und wo sie sich überhaupt befindet. Liegt sie hier oder jemand anderer?
Die 44 jährige Schriftstellerin Helene hatte eine Hirnblutung erlitten und liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Sie hat fünf Kinder und lebt in der ehemaligen DDR mit den vielen Seen und herrlichen Landschaften. Die Wende liegt schon Jahre zurück, und auch der 11. September in New York hat das Gesicht der Welt inzwischen verändert.
Helenes Mann Matthes erscheint bei ihr, die Kinder tauchen auf,--sie jedoch kann nichts richtig einordnen.
In unglaublich eindrucksvollen Bildern beschreibt die Autorin Kathrin Schmidt Erlebnisse, die jedem passieren könnten. Sie sind an Schrecknissen in ihrer Ohnmacht kaum zu überbieten. Die unmittelbaren Erfahrungen muten wie authentische Ereignisse an. Aus Sicht der Betroffenen erlebt man mit, wie hilflos sich Helene in ihrem Zwischenreich fühlt. Sie kann kaum begreifen, was um sie her geschieht. Bilderfetzen kommen und gehen, Menschen erscheinen und betätigen sich an ihr, ohne dass sie auch nur die mindeste Mitsprache hätte. Selbst die Ansprüche ihres Körpers liefern sie der Hilfe anderer aus, indem sie sich in den intimsten Bereichen ihrer Autonomie beraubt sieht. Der Leser erfährt unmittelbar, als sei er selbst betroffen, wie absolut kreatürlich schwach man ist, wenn man sich nicht mehr artikulieren kann.
In langen Rückblicken erinnert sich Helene ihrer vergangenen Jahre: das Leben mit den Kindern, Umzüge Schwangerschaften, Zwietracht, Missverständnisse und Entfremdungen, die ihre Ehe mit Matthes zu zerstören drohten. Es sind Gedanken, die sich einstellen und vergehen. Immer aus der Perspektive der Protagonistin erleben wir den Widerhall eines Lebens, dass von Unwägbarkeiten und Unruhe gekennzeichnet war. Mit Spannung folgt man ihrem Krankheitsprozess und der langsamen Rückkehr ins Leben.
In diesem Buch wird das Schicksal eines Menschen beschrieben, der von einem Tag auf den anderen aus allen Bezügen geworfen wurde. Da war keine Möglichkeit, Ungeordnetes zu ordnen und den Lebenszyklus ins Reine zu bringen. Großartig werden Stimmungen eingefangen und innere Zustände registriert. Dramatisch sind die Einschübe verloren gegangener Erinnerungen, die als Assoziationen aus der Tiefe des Vergessens auftauchen.
Einfühlsam, reflektiert in Ausdruck und Gedanken entwirft Kathrin Schmidt das Vollbild einer Krankheit, bei der Psyche, Geist und Körper als Einheit verloren gegangen sind. Einem Puzzlespiel gleich wird Vergangenheit und Zukunft in sporadischen Bildern zusammengefügt. Kafkaeske Zustände entstehen, und in der höchst sensiblen Erzählung zeigt die Autorin unser fragiles Gleichgewicht und die möglichen Bedrohungen für unsere leibliche Existenz.
Eine ausgezeichnete Schriftstellerin gilt es mit Kathrin Schmidt zu entdecken!