Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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146 von 153 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Schicksalsschläge!, 6. Mai 2009
Ganz Ungeheuerliches passiert der Heldin in diesem Roman:
zwischen Wachen und Träumen, zwischen Wahn und Wirklichkeit erlebt Helene einen Alptraum. Sie öffnet die Augen, versteht nicht, wer da ist, was da passiert, wer redet und schweigt, und wo sie sich überhaupt befindet. Liegt sie hier oder jemand anderer?
Die 44 jährige Schriftstellerin Helene hatte eine Hirnblutung erlitten und liegt auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Sie hat fünf Kinder und lebt in der ehemaligen DDR mit den vielen Seen und herrlichen Landschaften. Die Wende liegt schon Jahre zurück, und auch der 11. September in New York hat das Gesicht der Welt inzwischen verändert.
Helenes Mann Matthes erscheint bei ihr, die Kinder tauchen auf,--sie jedoch kann nichts richtig einordnen.
In unglaublich eindrucksvollen Bildern beschreibt die Autorin Kathrin Schmidt Erlebnisse, die jedem passieren könnten. Sie sind an Schrecknissen in ihrer Ohnmacht kaum zu überbieten. Die unmittelbaren Erfahrungen muten wie authentische Ereignisse an. Aus Sicht der Betroffenen erlebt man mit, wie hilflos sich Helene in ihrem Zwischenreich fühlt. Sie kann kaum begreifen, was um sie her geschieht. Bilderfetzen kommen und gehen, Menschen erscheinen und betätigen sich an ihr, ohne dass sie auch nur die mindeste Mitsprache hätte. Selbst die Ansprüche ihres Körpers liefern sie der Hilfe anderer aus, indem sie sich in den intimsten Bereichen ihrer Autonomie beraubt sieht. Der Leser erfährt unmittelbar, als sei er selbst betroffen, wie absolut kreatürlich schwach man ist, wenn man sich nicht mehr artikulieren kann.
In langen Rückblicken erinnert sich Helene ihrer vergangenen Jahre: das Leben mit den Kindern, Umzüge Schwangerschaften, Zwietracht, Missverständnisse und Entfremdungen, die ihre Ehe mit Matthes zu zerstören drohten. Es sind Gedanken, die sich einstellen und vergehen. Immer aus der Perspektive der Protagonistin erleben wir den Widerhall eines Lebens, dass von Unwägbarkeiten und Unruhe gekennzeichnet war. Mit Spannung folgt man ihrem Krankheitsprozess und der langsamen Rückkehr ins Leben.
In diesem Buch wird das Schicksal eines Menschen beschrieben, der von einem Tag auf den anderen aus allen Bezügen geworfen wurde. Da war keine Möglichkeit, Ungeordnetes zu ordnen und den Lebenszyklus ins Reine zu bringen. Großartig werden Stimmungen eingefangen und innere Zustände registriert. Dramatisch sind die Einschübe verloren gegangener Erinnerungen, die als Assoziationen aus der Tiefe des Vergessens auftauchen.
Einfühlsam, reflektiert in Ausdruck und Gedanken entwirft Kathrin Schmidt das Vollbild einer Krankheit, bei der Psyche, Geist und Körper als Einheit verloren gegangen sind. Einem Puzzlespiel gleich wird Vergangenheit und Zukunft in sporadischen Bildern zusammengefügt. Kafkaeske Zustände entstehen, und in der höchst sensiblen Erzählung zeigt die Autorin unser fragiles Gleichgewicht und die möglichen Bedrohungen für unsere leibliche Existenz.
Eine ausgezeichnete Schriftstellerin gilt es mit Kathrin Schmidt zu entdecken!
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62 von 70 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Fensterputzen im Kopf, 23. September 2009
"Zur Beruhigung flüstert sie sich manchmal ein, dass so ein Gehirnchen, wenn es zerschnitten wurde, erst einmal fertig werden muss mit dem Schrecken. Dass es sich später, viel später erst zeigen wird, welche Funktionen unter den lebenswichtigen, die es ja unzweifelhaft wiederaufzunehmen bereit ist, versteckt sind und sich vielleicht eines schönen Tages erst einmal faul räkeln werden, ehe sie hervorkommen..." (Auszug aus "Du stirbst nicht")
"Zerschnitten und zusammengetackert" wurde das Gehirn von Kathrin Schmidts Protagonistin Helene Wesendahl. Durch ein geplatztes Aneurysma kam es bei ihr zu einer lebensbedrohenden Hirnblutung. In ihrem vierten, stark autobiografischer Roman vom beschwerlichen und mühsamen Weg des Zurückfindens in ihre eigene Biografie. Ein höllisches Szenario, das sie im Sommer 2002 am eigenen Leib erlebt hatte.
Fortan soll nichts mehr so sein wie es zuvor war. Dass Helene Wesendahle sich bereits seit drei Wochen auf der Intensivstation des Krankenhauses befindet, mit Metall in ihrem halb kahlen Schädel, einer gelähmten rechten Körperseite und eigentlich kaum noch funktionierenden primären Körperfunktionen wird ihr so nach und nach klar. Was jedoch viel schlimmer wiegt: Helene Wesendahl leidet an Aphasie. "Sie kann nicht mehr wie früher durch lange Reihen von Worten, auch Synonymen flanieren, die an Klammern aufgehängt sind und nur darauf warten, von ihr abgenommen zu werden, sondern muss höllisch suchen, bis sie irgendwo ein passendes entdeckt." Für eine Schriftstellerin das Fürchterlichste was passieren kann. Ihre Kommunikation ist im eigenen Kopf eingeschlossen, findet keinen Ausgang, ist "Sprache im Inneren". Sprache schafft Identität. Helene hat die ihre verloren.
Zudem sind nur noch Bruchstücke ihrer Vergangenheit im Kopf. Anhand von Mails und auf ihrem Laptop gespeicherten Geschichten versucht sie, neben dem körperlichen auch ihr kognitives Leben wieder zurückzuerobern. Doch die zunehmende Reminiszenz hinterlässt nicht nur angenehme Lebensbilder, zuweilen eher ein angstvolles Durcheinander von "Gedankenfluchtfetzen". Helenes mühsamer Heilungsprozess gestaltet sich zunehmend zu einer ebenso beschwerlichen Reise ins eigene Ich.
Kathrin Schmidt hat einen beeindruckenden Roman geschrieben, jenseits jeglicher Gefühlduselei, Larmoyanz und auf die Mitleids-Tränen-Drüsen drückender Elegien. Ihr gelingt dies durch eine lakonische, teilweise reduzierte Sprache, die ab und an sogar einen beißenden Witz offenbart. Doch "unten lacht der Mund, oben laufen die Tränen." Philosophisch-poetische Erzählperspektiven wechseln dabei mit nüchternen, ja lakonischen Betrachtungen ab. Die Autorin versetzt den Leser in einen unglaublich faszinierenden Sprachraum. Direkt durch den beeinträchtigten Blick der Protagonistin, anfangs abgehackt, tastend, scheibchenweise aufgeschnitten, später dann an Intensität, Freiheit und Wortlust gewinnend, erfährt er eine unglaubliche Nähe zu den sehr deutlich im Körper verorteten Gefühlen und Empfindungen seiner "Heldin". Doch gerade diese werden Helene Wesendahl zu einem zuverlässigen Navigationssystem durch die nebelverschleierte Alltagswelt.
Letztendlich gelingt es Helene - wenn auch äußerst mühsam - die einzelnen Puzzle-Teile ihres Lebensbildes aus ihren Erinnerungsfetzen zusammenzusetzen, bis wieder ein Ganzes entsteht und sie den unheilschwangeren Augenblick, jenen "Point Zero", als sie plötzlich das Gefühl hatte, jemand habe mit einem Schnipsgummi nach ihr geschossen und sie schmerzhaft am Kopf getroffen, rekonstruieren kann:
"Ich sterbe, sagt sie ruhig.
Du stirbst nicht, sagt er ruhig".
Ihr Mann hat recht behalten, auch wenn dies in 60-70% ähnlich gelagerter Fälle nicht selbstverständlich ist.
Fazit:
Der für den Deutschen Buchpreis 2009 nominierte Roman "Du stirbst nicht", eine Erzählung "wie ein freigelegter Nervenstrang (...) genau seziert und das, was sichtbar ist, beschreibend", offeriert die kunstvolle Verschränkung eines äußeren Genesungsprozesses mit der Bewusstseinswerdung der eigenen Emotionen. Kathrin Schmidt hat Literatur auf hohem Niveau, inhaltlich wie sprachlich, vorgelegt. Entstanden ist ein Roman mit einem unglaublich facettenreichen Klangbild und komplexen Reflexion über den Zusammenhang von Sprache und Identität, der auch nach dem Zuschlagen der letzten Seite ein lang anhaltendes Tremolo beim Leser hinterlässt.
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43 von 49 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Das Leben zurückerobern, 22. September 2009
Das erste, was Helene Wesendahl hört, ist das Klappern von Besteck, vom Silberbesteck ihrer Großmutter.
Helene nimmt erst ganz allmählich wahr, dass sie in einem Krankenzimmer liegt, die Personen um sie herum ihre Familie ist. Sie leidet an einer rechtsseitigen Lähmung mit Sprach- und Gedächtnisverlust. Dass sie eine Hirnblutung hatte, begreift Helene erst später.
Zunächst erscheint Helene alles wie ein Albtraum, sie ringt um Verstehen. Sie hört "Afasie" und versteht Anfang sieben. Bevor die Sprache zurückkommt, füllt sich Helenes innere Leere mit Erinnerungen, Erinnerungen an ihre Kindheit in Ostberlin, Eheschließung, Geburt der Kinder. Die letzten Wochen vor der Hirnblutung bleiben zunächst verschlossen. Helene fühlt sich ausgeliefert, unfähig, Wünsche zu äußern.
Der Leser verfolgt in dieser Geschichte der Geschichte eines Menschen, der sich verloren zu haben scheint und darum kämpft, sich wiederzufinden.
Ihr Ehemann Matthes versorgt sie fürsorglich, veranlasst die Verlegung auf eine besser ausgestattete Station und dann in die Rehaklinik Heidemühlen.
Dies alles schildert Kathrin Schmidt aus der Sicht der Betroffenen, konsequent die Ich-Form meidend. In eindrucksvollen Bildern erfährt der Leser die Hilflosigkeit und Schrecknisse Helenes.
Sehr eindrücklich beschreibt die Autorin die Aufarbeitung der Vergangenheit. Weitere Erinnerungen kehren zurück - wollte sie, Helene, Matthes nicht gerade verlassen? Diesen Mann, der nun fast täglich an ihrem Krankenbett steht? Mit Wucht kehrt die Erinnerung an Viola zurück, eine transsexuelle Frau. Wollte sie deshalb ihren Mann verlassen?
Erst in der Rehaklinik erfährt Helene, dass ihr zweiter Roman gerade erschienen ist. Dass sie, die Schriftstellerin, die durch Sprache lebt, nun "sprachlos" ist. Sie hat ein "Kapazitätsproblem". Die Genesung ist langwierig. Zugleich zeigt Kathrin Schmidt für Helene aber auch einen Weg nach vorne, eine Befreiung durch die Rückgewinnung der Sprache.
Dass man sich als Leser so gut einfinden kann, der Roman so authentisch ist, mag daran liegen, dass Kathrin Schmidt selbst 2002 eine Hirnblutung erlitt.
Der Roman ist aber nicht jammernd oder mitleidend. Sprachlich knapp und mitleidlos beschreibt die Autorin die Selbstwahrnehmung der Protagonistin.
Hervorzuheben ist das hohe sprachliche Niveau. Manche Sätze erscheinen fast lyrisch. Allerdings schlägt das Kunstvolle manchmal fast ins Künstliche um, die manche Passagen mehrfach lesen lassen.
Dieser sensibel erzählte Roman von Kathrin Schmidt überzeugt sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Er ist zu recht für den Deutschen Buchpreis 2009 nominiert.
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