Beinahe hätte ich mich durch die sehr unterschiedlichen Rezensionen davon abhalten lassen, den Gewinnerroman des Deutschen Buchpreises 2009 "Du stirbst nicht" von Kathrin Schmidt zu lesen. Immerhin war Schmidt damit Nachfolgerin von Uwe Tellkamp mit seinem epochal genannten Werk "Der Turm". Aber ich hielt mir vor Augen, dass eine im Durchschnitt mittelmäßige Bewertung mit vielen Ausreißern nach oben und unten schon häufiger bei mir zu mehr Lesefreude führte als einhellig-mittelmäßige Urteile. Bemerkenswert ist, dass auch "Der Turm" in den Rezensionen zu einer Spaltung der Urteile führte. Ich kann mir das nur so erklären, dass durch den Umstand der Verleihung des Deutschen Buchpreises, mittlerweile der bekanntesten und ganz sicher am besten vermarkteten deutschen Literaturauszeichnung Leserinnen und Leser einen solchen Roman zur Hand nehmen, die normalerweise mit dieser Art von Literatur nicht zwangsläufig in Berührung kommen.
Der Roman ist stark autobiographisch geprägt. Und das nicht versteckt, sondern ganz offen. Die Hauptfigur im Buch, Helene Wesendahl, eine früher als Psychologin tätige Autorin, gleicht in ihrem Lebenslauf der Autorin bis in Details, soweit ich das beurteilen kann. Sogar die Kinderzahl - fünf - ist identisch, ebenso das Geborenwerden und Aufwachsen in der DDR oder der spätere Umzug nach Berlin.
Sie, die Protagonistin, erlitt einen Hirnschlag und Schmidt beschreibt den Lebensabschnitt nach dem Erwachen aus dem Koma, mit der Rückeroberung körperlicher Fähigkeiten und vor allem der Wiedergewinnung der Erinnerung an und damit des eigenen Lebens. Dabei stößt Helene auf Umstände, die so gar nicht zur aktuellen Situation passen, in der sich ihr Mann aufopferungsvoll um sie und besonders um die Familie zu Hause kümmert. Erst langsam wird ihr bewusst, dass die Ehe vor dem Aus stand und wie es zu diesem Aus kam.
Kathrin Schmidts Sprache zeichnet sich durch die vielfache Verwendung von Wortspielen ebenso aus wie durch die Fähigkeit, Alltagssprache und Denken in kurzen Dialogen und Gedankengängen festzuhalten. Auch ohne handlungsgeladenen Spannungsverlauf gelingt es Schmidt, eine aufregende Atmosphäre zu schaffen, die gleichzeitig stark berührt.
Im Gegensatz zu Tellkamps "Der Turm", einem mächtigen, eintausend Seiten starken, dem Leser alles abverlangenden Zeitengemälde, einem Bildungs- und Wenderoman, ist "Du stirbst nicht" ein sehr persönliches Buch, das weitestgehend das anfangs lädierte und sich langsam wieder neu zusammensetzende Denken und vor allem auch Fühlen der Hauptfigur umfasst. Vielleicht ist der Roman eher ein Frauen- als ein Männerbuch, mag sein. Fraglos ist der Roman jedoch für alle, die in einem Buch nicht die Ablenkung von ihrem eignen Alltag, von ihrem Denken durch große Geschichten, fremde Länder, Zeiten und Sitten oder spannungsgeladene Kriminalfälle suchen, ein großer Gewinn.