Alena lebt mit ihrer kleinen, behinderten Tochter als Schreiberin im Stift der bedeutenden Stadt Quedlinburg. Über den Mord an ihren geliebten Mann ist noch nicht hinweg und so ist sie froh darüber, dass die Äbtissin sie mit wichtigen Aufträgen betraut.
Zwischen der Stadt und dem Stift kommt es, nicht zuletzt auch durch Caesarius, den rauen und groben Verteidiger der Domfrauen, zum Zerwürfnis. Als die Pröpstin des Stifts schwer verletzt in der Kirche aufgefunden wird, kommen Alena erstmals Zweifel an dem angeblichen Unfall. Alena gerät zwischen die Fronten und ist sich immer weniger sicher, wem ihre Loyalität nun gelten soll.
Erwartet man sich einen Krimi im üblichen Sinn - es passiert ein Mord und der Hauptdarsteller beginnt den Mörder zu jagen - werden einem diese Vorstellungen nicht erfüllt werden. Dieser historische Krimi lässt viel mehr in die menschlichen Beweggründe blicken und vom Aufbau gut durchdacht.
Die Autorin stellt ihre Protagonisten nicht als wunderschöne Superhelden dar, sondern erlaubt ihnen reale und menschliche Züge. Alena ist eine kluge Frau von niedrigem Stand, hübsch, aber nicht ungewöhnlich schön und ihre Tochter ist geistig behindert. Ungewöhnlich und auch mutig von der Autorin, die Leser mit so einer schwierigen Thematik wie Behinderung zu konfrontieren. Aber dies gelingt ihr bravourös und es fügt sich wunderbar in die Erzählung ein. Das Buch gewinnt aber gerade durch die nicht perfekten Figuren enorm und hebt sich dadurch von anderen historischen Büchern mit kriminalistischem Hintergrund äußerst positiv ab und lässt den Leser in eine reale Welt eintauchen, die es so wirklich gegeben hätte können.
Wie durch Zufall führt Helga Glaesener ihre Protagonistin auf die Spur so mancher Ungereimtheiten und lässt lange nicht durchblicken, ob die grausamen Schicksalsschläge so manch unschuldiger Menschen nun bewusst herbeigeführt oder eine Verkettung tragischer Umstände sind. Ein Repertoire an Vorfällen wirken fein und wie zufällig eingestreut. Leicht, beschwingt und doch in flottem Tempo wird die Geschichte erzählt und so nebenbei erhält der Leser noch Einblicke in das schöne Quedlingburg. Die Sprache ist einfach, ohne aber banal oder flach zu wirken. Die Autorin hat ein selten gutes Gefühl für Dialoge, denn man findet keine anstrengenden und hochtrabenden Äußerungen, sondern die Figuren unterhalten sich so, wie auch in der Realität gesprochen wird. Meint man nun, dass dies bestimmt sehr plump wirke, belehrt einem aber das empathische Feingefühl von HG eines besseren.
Ein ungewöhnlicher, aber sehr feiner historischer Krimi, mit einer plastischen und farbenprächtigen Kulisse. Ein absolut empfehlenswertes Buch.