Du hast kaum gelebt: Trauerbegleitung für Eltern, die ihre Kinder vor oder kurz nach der Geburt verloren habenEltern werden dadurch definiert, dass sie Kinder haben. Was aber, wenn die Kinder vor den Eltern sterben? Wenn sie sogar gleich nach der Geburt sterben oder schon tot auf die Welt kommen?
"Es hat doch noch gar nicht richtig gelebt" - "Du bist doch noch so jung und kannst noch viele Kinder bekommen". Solche und ähnliche "dummen Sprüche", wie eine betroffene Mutter schreibt, sind genauso wenig hilfreich wie das Verschweigen und Tabuisieren gerade bei der älteren Generation oder die forschen "Mutmacher" von leider immer noch zu vielen Ärzten. Während die Themen Tod und Trauer in unserer Gesellschaft allmählich aus der Tabuzone kommen, ist das Bewusstsein dafür noch kaum ausgeprägt, dass auch der Verlust eines Kindes ganz am Anfang seines Lebens oder in der vorgeburtlichen Phase für die Eltern, Geschwister und Angehörigen Anlass zur Trauer ist und entsprechend gewürdigt werden muss. Lebensträume platzen, Hoffnungen bleiben unerfüllt - da kann eben nicht einfach ein neues Kind die entstandene Lücke füllen!
Die Herausgeber, die selbst zwei "Sternenkinder" in der Familie haben und zugleich seit vielen Jahren professionell in der Begleitung Trauernder tätig sind, lassen in ihrem Buch neben betroffenen Eltern, Geschwistern und Großeltern auch medizinisches Personal, SeelsorgerInnen, TrauerbegleiterInnen und Bestatter zu Wort kommen. So entsteht aus der Fülle der Sichtweisen und Erlebnisperspektiven ein facettenreiches Bild einer Erfahrung, von der Nichtbetroffene in aller Regel keine Ahnung haben. Gefühle von Schuld, Scham und Versagen werden von den trauernden Eltern ebenso geschildert wie die tiefe Verunsicherung, der Verlust von Vertrauen ins Leben und die Frage nach Sinn und Schicksal. Gleichzeitig wird aber auch gezeigt, was hilfreich sein kann: Zeit und Raum haben für den Abschied und die Trauer, das Kind waschen, ankleiden und im Arm halten können, Photos von ihm bekommen, Hand- und Fußabdrücke machen, darüber sprechen können. Mittlerweile gibt es überall hierzulande Selbsthilfegruppen für Eltern nach Frühtod. Immer mehr Kliniken halten Informationsschriften bereit und haben für diesen Trauerfall geschultes Personal. Selbst bei der Ärzteschaft gibt es wenigstens unter einer Minderheit ein wachsendes Bewusstsein dafür, sensibel und hilfreich mit den betroffenen Müttern, aber auch Vätern, umzugehen, wie die beeindruckenden Beiträge von zwei jungen Ärztinnen zeigen: Da-sein, Anteilnahme, Mitfühlen, Da-bleiben, Zuhören, Festhalten. "Diese Erfahrungen und Fähigkeiten stellen für mich die Grundlage dar, wenn ich als Ärztin dem frühen Tod eines Kindes begegne ... Ich sage ihr, dass sie einen Engel gebären wird", schreibt die Assistenz-Ärztin Katrin Räpple über ihre Begleitung einer jungen Patientin, die dabei ist, ein totes Kind zur Welt zu bringen. Sie verschweigt aber auch nicht, dass ihre Vorgesetzten ihr Engagement durchaus kritisch sehen.
Praktische Vorschläge für Gottesdienste und Trauerfeiern, ein Abriss des aktuellen Bestattungsrechtes in Bayern, sowie Literaturtipps und eine Liste mit Kontaktadressen runden den Band ab, dem man viele Leserinnen und Leser wünscht - gerade auch die, denen eine solche Erfahrung erspart bleibt.
Ursula Weigert