Joyce Carol Oates hat in diesem Jahr ihren siebzigsten Geburtstag gefeiert, passionierte Leser haben ihr Werk seit Jahren begleitet. Bei dem umfangreichen Schriftwerk fragt man sich wann diese Schriftstellerin etwas anders macht als Schreiben? Oates, die auch unter den Pseudonymen Rosamond Smith und Laura Kelly publiziert, hat bisher über 300 Erzählungen und weit mehr als 50 Romane, vereinzelt auch Jugendbücher, Novellen, Dramen, Essays und Gedichtsammlungen veröffentlicht und erhielt zahlreiche Preise, darunter mehrmals den begehrten Pulitzer Preis. Sie gehört zu den renommiertesten amerikanischen Gegenwartsautorinnen und sie wird immer besser. "Du fehlst" wurde von Silvia Morawetz übersetzt.
Die Protagonistin, eine skurrile Journalistin, Anfang dreißig heißt Nikki Eaton. Sie hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, während das Leben bei ihrer Schwester Claire in recht geordneten Bahnen verläuft. Nikkis Liaison gefällt weder der Schwester noch ihrer Mutter Gwen. Claire findet, dass Nikki ihr Leben mit ihrer gewollten Unabhängigkeit und unverständlichen Eigenwilligkeit leichtsinnig vertut. Das Buch beginnt mit dem Muttertag, an dem Nikki wieder einmal pflichtschuldig ihre Mutter Gwen besucht. Die verwitwete Frau hat Leute aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten eingeladen und die beiden Töchter merken, dass die Mutter ein Leben führt, von dem sie bisher nichts gewusst haben. Nikki ist bedacht, dass sich auch die Mutter nicht in ihr Leben einmischt.
Als Nikki sich eines Tages, außerplanmäßig auf den Weg macht, um das angekratzte Verhältnis zu ihrer Mutter wieder ins Lot zu bringen, wird sie Opfer eines Raubüberfalls. Aus diesem Grund kommt sie mit Verzögerung bei ihrer Mutter an und findet sie nur noch tot vor. Wäre sie früher eingetroffen, hätte sie den Tod vielleicht noch verhindern können, denn so viel sei verraten, die Mutter wurde ermordet. Es ist kein Krimi, da man sofort weiß, wer der vermutliche Täter ist. Nikki trifft der Tod der Mutter unerwartet und mit voller Wucht. Alles erfährt von zu Minute zu Minute einen nicht vorgesehenen Wandel. Joyce Oates beschreibt mit viel Einfühlungsvermögen all das, was sich nun verändert hat, nicht nur für die beiden Töchter, sondern auch in der Nachbarschaft. Wie werden die Hinterbliebenen mit der Tatsache fertig, dass ihre Mutter, ohne krank gewesen zu sein, ohne Abschied genommen zu haben, so plötzlich von ihnen gegangen ist?
Die Schwestern empfinden Wut und Trauer. Ihr Leben hat sich durch den Tod dramatisch verändert, nichts ist plötzlich mehr wie es war. Nikkis Verhältnis zu ihrem Freund ist davon genau so betroffen, wie Claire ihre Ehegemeinschaft. Während Claire möchte, dass das Haus der Mutter verkauft wird, kann Nikki nicht so schnell von der Umgebung und den Dingen der geliebten Mutter Abschied nehmen. Ihre Gefühle sind aus der Fassung geraten, sie zieht während des Trauerjahrs in das Haus der Mutter. Sehr unterhaltsam und bedächtig beschreibt Oates im Folgenden wie Nikki , nachdem sich die erste Lähmung gelegt hat, neugierig in die Schränke ihrer Mutter schaut, ihre Kleider liebevoll berührt, Briefe liest, Photos ansieht. Sie findet Brotbackrezepte und erfährt, dass ihre Mutter immer Brote für die Nachbarschaft gebacken hat. In dem sie sich immer mehr in das Leben ihrer ermordeten Mutter vertieft, nimmt sie Tag für Tag erneut Abschied und kommt schließlich zu der Erkenntnis, dass es in dem Leben ihrer Mutter, die ihre beiden Mädchen so geliebt hat, vieles gab, was sie nicht gewusst, geschweige denn geahnt hat.
Ein glänzend erzählter, spannender Unterhaltungsroman in einer einfühlsamen Sprache. Das Faszinosum ist, das die Autorin den Abschied der Hinterbliebenen, das erste Jahre in dem die "Mutter fehlte", mit einer extremen somnambulen Klarsichtigkeit und engagierten fiebrigen Empfindsamkeit beschreibt, als wäre sie selbst Teil der Geschichte. Die vielen Reflexionsebenen tragen dazu bei, dass es ein Roman ist, der auch in der Lage ist, unterschiedlichste Leseinteressen zu bedienen. Große Unterhaltungsliteratur.