„Ich glaube, ich werde heute Nacht jemanden töten." Wo muss man angekommen sein, um sich selbst von so einer Aussage zu überzeugen? Was muss man durchgemacht haben, um sein ganzes Vertrauen auf diesen Grundinstinkt zu reduzieren? Und wo muss alles seinen Anfang genommen haben, um die Logik einer solchen Geschichte zu verstehen?
Vielleicht reicht es aus, wenn zwei Leute an der Tür klingeln. Sie überbringen die Nachricht vom Tod der Freundin und bieten eine Erklärung an, die keine ist. Von Wesen ist die Rede, die sich schneller als wir durch unsere Welt bewegen und nicht sichtbar sind, jedenfalls für die meisten von uns. Ein schlechter Witz. Aber niemand lacht. Man hat seine Zweifel, doch je mehr man erfährt, umso mehr wächst auch der Zweifel am Zweifel.
Da sind all die Leute, die behaupten, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Psychotiker, Schizophrene, Verrückte eben oder einfach Leute auf Drogentrip. Was aber, wenn etwas davon stimmt und sie nicht in der Lage sind, andere zu überzeugen. Gewöhnlich sitzen solche Leute in einer geschlossenen Anstalt oder glauben ihren eigenen Erfahrungen nicht mehr, nachdem die Drogen abgeklungen sind. Aber wenn sie dann vor der Tür stehen und einen bitten zuzuhören, ist es die eigene Entscheidung, wieviel man wissen will.
Zoran Drvenkar ist etwas Seltenes in der Deutschen Literatur. Während andere Autoren versuchen, in der Gegenwart anzukommen und dem Zeitgeist einen Spiegel vorzuhalten, kümmert er sich um seine eigenen Welten. Auch sie spielen im Hier und Jetzt, aber die Gegenwart bleibt das, was sie sein sollte, Kulisse. Es geht um etwas Allgemeineres, um Grunderfahrungen, um das, was es heißt Mensch zu sein.
„Du bist zu schnell" ist Drvenkars Debüt in der Belletristik, bisher veröffentlichte er sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher und es fällt auf, was auch für seine anderen Werke gilt, es hat Stil. Damit ist etwas gemeint, was im ganzen Literaturbetrieb unterbewertet wird. Talent mag eine Sache sein, die man hat oder nicht, aber die Mühe und Disziplin, um sein Talent auszureifen, daran muß man arbeiten. Originalität, Humor und gute Ideen allein, führen zu einer recht verbreiteten Kurzatmigkeit. Es gibt Bücher, die hat man nur so lange im Kopf, wie man sie in der Hand hält. Aber dann gibt es da die anderen Bücher, die es fertig bringen, einem Tage später die simple Tatsache bewußt zu machen, daß eine Tür nicht nur ein Eingang ist, sondern auch ein Ausgang. Das hier ist solch ein Buch.