Kein Kinderspiel ist dieser Roman, obwohl sein Cover aussieht, als stecke ein Computerspiel darin. Das macht auch Sinn, denn es geht in diesem Krimi um Computerspiele. Allerdings auf eine Weise, die Elemente aus Thriller, Science Fiction und Fantasy durcheinandermixt.
Und auch das Lesen ist kein Kinderspiel. Charles Stross erzählt den weitaus größten Teil des Geschehens aus der Sicht seiner Hauptfiguren, aber nicht in der gewohnten Erzählweise, sondern 1. in der Gegenwartsform, und 2. in der Du-Anrede. Statt "Sie stand in der Schlange vorm Kaffeautomaten und fragte sich, ob..." heißt es also: "Du stehst in der Schlange und fragst dich..." Es ist, als ob der Leser mehr "neben" als "in" den Figuren ist. Als ob er sie beobachtet. Eine anfangs merkwürdig erscheinende Art, eine Geschichte zu erzählen.
Kein Kinderspiel ist auch an die Zukunftswelt, die Charles Stross schildert. Sie liegt nur ein paar Jahre entfernt, wimmelt allerdings von Neuigkeiten. Die meisten sind naheliegend (naja, Schottland hat sich als Republik unabhängig gemacht und ist nun Boom-Land in einer seltsam gewordenen EU), oder sie werden von Stross geschickt so dargestellt, als wären sie es. Mit den 3D-Datenbrillen beispielsweise weiß er Besseres anzufangen als zu spielen oder Filme zu schauen. Die Polizisten legen sich mit ihrer Hilfe einen leuchtenden Datenteppich über die Welt; Icons werden in die Realität eingeblendet. Da kreist schon mal ein Warnzeichen über dem Kopf eines Jugendlichen, dem man im Bus begegnet, und sagt dir, daß dieser Knabe ein gewaltbereiter Randalierer ist... Schöne neue Welt: Manager schnallen sich ihr Büro vor die Augen. Der Text strotzt vor solchen Ideen. Andere Bücher mögen Informationen einstreuen - "Du bist tot" ist ein permanenter Informations-Tsunami. Eben kein Kinderspiel.
Kein Kinderspiel ist auch das Verbrechen, das aufzuklären ist. Da ist ein weltweit von Millionen Usern gespieltes Online-Game, in dem es eine Bank für die erspielten Schätze, Gegenstände und Werte gibt. Diese Bank wird plötzlich ausgeraubt: Von einer Horde Orks. Sie haben auch einen Drachen dabei, der ihnen hilft. Was lächerlich scheint, hat einen realen Hintergrund - schon heute er-spielen Leute in solchen Games Werte, um sie dann auf (ebenfalls online funktionierenden) Verkaufsplattformen zu verticken. Da steckt richtiges Geld drin. So auch in "Du bist tot". Und natürlich bleibt das Verbrechen nicht in der Internetwelt, sondern hat konkrete Auswirkungen in der Realität. Auf Aktienkurse, Karrieren und viel, viel Geld. Auf Leute, die plötzlich verschwinden. Auf Geheimdienste, die bei der Arbeit "gestört" werden....
Das alles wird von Charles Stross sehr kenntnisreich vorgetragen - in den Fluß der Handlung sind Referate und ergänzende Dokumente eingefügt, ein ausführliches Glossar von fast vierzig Seiten erläutert die vorkommenden Fachbegriffe.
Das mag alles abschreckend klingen. Aber wenn man sich einläßt auf diesen Roman, dann macht er höllisch Spaß und ist extrem spannend. Das liegt auch an den kauzigen Figuren, die dem Leser schnell ans Herz wachsen. Sie werden zu Charakteren eines Computerspiels, an dem man lesend teilnimmt. Und so erhält auch die eigenartige Erzählweise ihren Sinn. Das aufgeschlagene Buch fängt an, sich wie ein Game-Controller anzufühlen.
Kein Kinderspiel, dieses Buch, sondern anstrengend, hinreißend und anspruchsvoll. Ein Fünf-Sterne-Buch für Fünf-Sterne-Leser.