Als Hundetrainerin beschäftige ich mich oft und gerne mit der Arbeit anderer Trainer, und von Millans Büchern konnte ich persönlich eine Menge lernen.
Wer genaue Anleitungen zur Erziehung oder Patentmittel sucht, um seine "Hunde-Probleme" in den Griff zu bekommen, sollte sich das Geld allerdings lieber sparen.
Die beiden Bücher richten sich an Hundebesitzer, -trainer, usw, die bereit sind, in der Beziehung zu ihrem Hund (und generell) etwas "tiefer" zu gehen. Zwar geht es auch ganz pragmatisch um die Grundbedürfnisse eines jeden Hundes: "Bewegung, Disziplin, Zuneigung - in dieser Reihenfolge" (im 2.Buch wird hierbei auch genauer auf die rassebedingten besonderen Bedürfnisse eingegangen), jedoch widmet sich Cesar Millan in beiden Büchern sehr ausführlich dem Thema Energieübertragung und wie wichtig sie im Umgang mit unseren Hunden (und Mitmenschen) ist. Vereinfacht ausgedrückt: Unsere innere Einstellung, unsere Stimmungen und Emotionen beeinflussen in hohem Maße das, was wir erreichen wollen, oder umgekehrt das, was wir als "Problemverhalten" bezeichnen. Ein Beispiel: Möchte ich einem ängstlichen Hund in einer bestimmten Situation Sicherheit geben und ihn von seiner Angst befreien, muss ich selbst besonders gelassen, souverän und ruhig agieren und dies auch ausstrahlen, damit die Therapie Erfolg haben kann. Wenn ich selbst ängstlich bin und vielleicht noch "beruhigend" auf den Hund einrede, wird der Hund meine ängstliche Stimmung in jedem Fall spüren/riechen und die Therapie bliebe erfolglos.
Auch ist an anderer Stelle mit Energie das Energielevel eines Hundes oder Menschen gemeint, wie wir es im physischen Sinne verstehen würden. Schafft sich z.B. ein Mensch mit niedrigem Energieniveau, der am liebsten auf dem Sofa liegt und ein Buch liest, einen Bordercollie an, führt dies wahrscheinlich auf Dauer zu Problemen.
Laut Millan folgen Hunde ausschließlich einem "Rudelführer", der eine "ruhige, bestimmte Energie" ausstrahlt. Dies ist der rote Faden in den Büchern von Cesar Millan. Verfechter der ausschließlich sanften Erziehung mögen sich hier anstoßen, aber hier geht es nicht um "Machotum" oder die gewaltsame Durchsetzung der "Alpharolle" Mensch, sondern um das natürliche Grundbedürfnis aller Caniden nach einem wohlwollenden, ausgeglichenen, konsequenten und selbstbewussten Leittier. Wenn man lernen möchte, wie man das anstellt, sind die Bücher genau das richtige. Hier geht es um mehr, als darum, wie ich meinem Hund genug Bewegung verschaffe (auch das ist ein wichtiges Thema!).
Es geht um Kommunikation, das Aufgeben der Vermenschlichung unserer Hunde, das Einlassen auf unsere ursprüngliche Verbindung zur Natur, kurz darum, die Welt auch mal aus Hundesicht zu betrachten und auf dieser Basis unseren Hunden das zu geben, was sie zu ausgeglichen, glücklichen Tieren macht.
(Wer hier aufschreit, weil Millan einen Hund durchaus auch mal körperlich korrigiert, dem empfehle ich so oft wie möglich frei miteinander kommunizierende Hunde zu beobachten, oder sich Dokumentationen über Hunde oder Wölfe anzusehen, die Welpen haben. Im Übrigen arbeitet er meist mit Hunden, die stark verhaltensauffällig sind, und wo man mit Clicker und Co nichts erreichen würde. Millan arbeitet solange nur mit Energie und Körpersprache, wie es geht.)
Im ersten Buch erzählt Millan am Anfang von seiner Kindheit mit Hunden und wie sein Traum, Hundetrainer in den USA zu werden, entstand.
Man sollte auf jeden Fall offen für "Geschichten" sein, denn solche werden in beiden Büchern zwischendurch viele erzählt. Man könnte auch Fallgeschichten sagen, aber - wie gesagt - es geht um mehr, als einem Hund das Anspringen von Besuch abzugewöhnen; es geht auch um die Wandlung, die sich in den Menschen vollzieht, nachdem sie mit Millan gearbeiten haben.
Ich würde empfehlen, beide Bücher zu lesen und sich zusätzlich Videomaterial anzusehen (z.B. auf "Youtube" unter "Dog Whisperer"), um eine genauere Vorstellung von Millans Arbeit zu bekommen.
In den 1-Sterne Rezensionen erwähnen einige den Mangel an fachlich fundiertem Wissen. Dazu möchte ich anmerken, dass Millans Bücher beim Verlag "Goldmann Arkana" erschienen sind. Dieser Verlag hieß früher "Goldmann Esoterik" und vertreibt Bücher über Esoterik, Spiritualität und alternative Heilmethoden. Wer sich ein solches Buch kauft und ein Fachbuch über Verhaltensbiologie erwartet, muss sich nicht wundern, wenn er enttäuscht wird. Das ist so, als würde man Eurosport einschalten und sich dann darüber beschwerden, dass keine Tierdokumentation läuft.
Ich finde, man kann viel Positives von einem anderen Hundetrainer lernen, ohne alles an ihm gut zu finden. Ich würde einiges anders machen als Cesar Millan und bin auch nicht mit allen Hilfsmitteln, die er verwendet, einverstanden. Trotzdem habe ich in hohem Maße von seinen Büchern profitiert.(Mein Hund übrigens auch.)
Wer sich eingehender mit Millan beschäftigt wird feststellen, dass er über eine langjährige Erfahrung im Umgang mit verhaltensauffälligen Hunden verfügt. In seinem Center in Los Angeles hat er ein Rudel von ca 40 Hunden. Diese Hunde waren fast alle dem Tode geweiht, weil sie z.B. schwere Aggressionsprobleme hatten. Mit diesen Hunden geht er morgens 4 Stunden durch die Hügel, mit allen 40! Wenn er nun die ganze Zeit über die Hunde machen ließe, was sie wollen, könnte er keine Kontrolle haben. Er MUSS darüber entscheiden können, wann sie vor und wann hinter ihm laufen.
Wenn man sich Videos dieses Rudels ansieht, kann man sehen, dass es sich heute um ausgeglichene, soziale (nicht eingeschüchterte, ängstliche!) Tiere handelt. Millan nutzt sein Rudel auch, um verhaltensauffällige Hunde zu rehabilitieren. Das würde nicht funktionieren, wenn seine Hunde nicht absolut sozial wären.