Nun bin ich offensichtlich der einzige, der nicht schon alleine bei der Erwähnung des Namens `Over the Rhine' Rad und Purzelbäume der Begeisterung schlägt. Alles was an Kritiken existiert, ist dermaßen begeisterungstrunken, dass scheinbar in Verbindung mit diesem Namen jedes distanzierte Urteilsvermögen abhanden kommt. Denn was bekommt man wirklich zu hören? Piano- und stimmbasierten Folk mit einem Hauch von Jazzfeeling. Das Ganze hin und wieder ergänzt durch eine verhalten gespielte A-, E- oder Steel-Gitarre und ein einmalig vorkommendes, sehr jazzballadesque aufgesetztes Saxophon in "Little did I know". Gegen Ende wird's mit Drums dann auch ein wenig folkrockiger.
Doch ausgerechnet die Jazztracks stellen die Höhepunkte der Gesamtaufnahme dar. Da ist zum einen der Abschluss der CD, einer der Standards des gesungenen Jazz' schlecht - "Funny Valentine", fast schon ein Cliché unter den Jazzsongs, man denke nur an die Version von Chet Baker....und die 3754 anderen. Und da ist das bereits angeführte "Little did I know", das direkt einer Cooljazz-Quartet-Aufnahme eines Lee Konitz entstammen könnte.
Insgesamt beackern Over the Rhine "Grenz"-Land aus allem Möglichen. Das tun sie allerdings ziemlich gut - wohlgemerkt, sie tun dies als Folk-Duo mit Bandunterstüzung, nicht als Cooljazz-Remake.
In diesem Genre des Grenzgängerischen, dass sie mit dieser Aufnahme durchaus kompetent vertreten, ist es nun allerdings so, dass sie sich eben auch in hochvirtuos besetztes Jazzgelände wagen. Und nehmen wir an dieser Stelle die bereits zitierte Chet Baker Aufnahme, deren - und vor allem dessen - Intensität erreichen sie nicht! Sollte man tatsächlich ein Anspruchslevel festlegen, dann liegt dies irgendwo bei einer folkigen Ausgabe von Tuck & Patty - immerhin. Dabei spricht für Over the Rhine, dass ihr Piano-Stimme-Jazz-Kammer-Folk weitestgehend kompetent selbst komponiert und ausgezeichnet produziert ist. Zu letzterem trägt übrigens David Henry am wundervoll singenden, damit einer zweiten Stimme gleichenden, Cello bei, das annähernd jeden zweiten Song abrundet.
Für Over the Rhine spricht zudem die eigentlich nicht sonderlich wandlungsfähige Stimme ihrer Sängerin, zwar einerseits mädchenhaft, andererseits aber auch rauh hauchend. Das mag paradox klingen, aber sie phrasiert tatsächlich selbst komplizierte Melodiebögen zwischen Folk und Jazz sehr sicher. Zusammen, im Zusammenspiel der Kerneinheit aus Piano und Stimme, trifft das den Ton ziemlich gut, erzeugt eine dunkle romantische Tönung und Stimmung.
Ach ja, die expliziten Einschränkungen, die gibt's neben den bereits formulierten impliziten, tatsächlich: man nehme sich nur die gespielten Piano Figuren vor - das hat wenig mit Jazzstandard zu tun. Nun mögen die Freiheitsgrade, oder besser Unabhängigkeitsgrade, im Folk höher sein als im Jazz, aber das was Over the Rhine hier praktizieren findet ansonsten eher in Filmmusiken oder in Ambient-Musik ihren Niederschlag: sehr an der Romantik orientierte, dabei reduzierte repetative Strukturen von nicht allzu hohen Komlexitätsgraden. Das kann man stimmungsvoll finden - für Folkies und Esoterikladenbetreiber gilt dies vermutlich. Das kann man aber auch einfach nicht allzu anspruchsvoll nennen....nennen wir es mal so.