Lust auf eine Nachtwanderung durch den Wald? Ohne Taschenlampe? Mit ihrem letzten Album "They Were Wrong, So We Drowned" boten die Liars bereits einen gelungenen Soundtrack zur Beschallung von Halloween-Parties, Geisterbahnen und Walpurgisnächten. Die Platte befasste sich mit dem Hexenmythos und klang dementsprechend. Und um es gleich für alle Hasenfüße vorweg zu sagen: Auf "Drum's Not Dead" ziehen die Liars die Gruselschraube noch ein bisschen weiter an.
Dabei wurde diesmal nicht wieder in einer einsamen Hütte im Wald aufgenommen. Nein, es hat das New Yorker Trio inzwischen in Berliner Gefilde verschlagen, wo im Gegensatz zum Big Apple das Leben noch erschwinglich ist und wo ja derzeit nach Meinung der halben Welt der kreative Bär steppt. Hier haben die Liars - Künstler, die sie sind - erneut ein beachtliches Konzeptalbum zusammengestrickt. Anstatt um Hexen geht es diesmal um Mt. Heart Attack und Drum, zwei fiktive Charaktere, die - ähnlich Yin und Yang - unterschiedliche Seinszustände verkörpern. Während Drum der energetische, zuversichtliche Geist ist, steht Mt. Heart Attack für Selbstzweifel - beides Aspekte des kreativen Arbeitsprozesses der Band. Drum scheint dabei rein musikalisch das Oberwasser zu haben, ist "Drum's Not Dead" doch - seinem Titel entsprechend - äußerst perkussionslastig geraten. Der häufige Einsatz zweier Schlagwerke und der darüber gelegte Leier- oder Sprechgesang wecken beim Hören unweigerlich den Gedanken an Voodoo, Stammestänze und rituelle Opferhandlungen bei Feuerschein. Weniger Hexenhaus, mehr Urwald also.
Schwer fällt es, einzelne der ineinander fließenden Lieder hervorzuheben. Hängen bleibt der Gesamteindruck, und dieser ist wieder einmal der eines dicht arrangierten und verstörenden Stückes Musik. Egal, ob sich in "The Wrong Coat For You Mt. Heart Attack" Sänger Angus Andrews' Stimme träge vorwärts schleicht, während eine angeschrägte Gitarrenlinie und ein Sammelsurium an Tönen und Geräuschen aus der Tiefe des Raumes hallen, oder "Drum And The Uncomfortable Can" ein Gebräu aus martialischem Getrommel, rhythmischem Sprechgesang und Feedbackgedröhne entfesselt - vertonte Gänsehaut, wenn man mich fragt. Immerhin: Mit dem letzten Stück "The Other Side Of Mt. Heart Attack" liefern die Liars netterweise Hilfestellung bei der anschließenden Traumabewältigung. Säuselnder Harmoniegesang, sanftes Gitarren- und Klaviergeplänkel und gestreichelte Schlagzeugfelle sorgen dafür, dass man nachher ohne Alptraum schlafen kann. Besten Dank.
Neben der Musik darf natürlich auch die beigelegte 143-minütige (!) DVD nicht unerwähnt bleiben. Angus Andrews, Schlagzeuger Julian Gross und der Filmemacher Markus Wambsganss haben sich daran gemacht, das Album jeder auf seine Weise visuell umzusetzen. Das vielfältige Ergebnis bietet dabei im Gegensatz zur Platte auch einen guten Eindruck von der humorigeren Seite der Band. So tummeln sich auf der DVD neben Impressionen aus dem Studio, von Live-Auftritten und Reisen auch teil-animierte Filmchen mit unternehmungslustigen Zahnbürsten, herumfliegenden Brotscheiben oder einer Liars-Puppenversion im Streichelzoo. Nicht zu vergessen: Angus Andrews' dreiviertelstündiger Ausflug in das Genre des experimentellen Tierdokumentarfilms, der zeigt, wie ästhetisch und spannend das Leben einer Schnecke sein kann.
Insgesamt also wieder mal ein doller künstlerischer Schritt nach vorne, der vor allem eine Frage aufwirft: Was soll da eigentlich noch kommen?- Nina Töllner -