Zwölf Lebensbilder wird man in diesem Buch vorfinden. Zwölf Lebensbilder, die meistenteils in der ersten Person erzählt sind, in keiner Weise fiktiv, so, als seien sie direkt ins Mikrofon gesprochen worden. Der auf die Idee verfiel, ist der Schriftsteller Henryk Grynberg. Überaus sparsam sind seine Eingriffe. Nur hie und da hört man ihn eine Frage stellen oder eine Bemerkung einstreuen, leise und verhalten. Die Rolle, die er sich zuwies, beschränkte sich darauf, die Frauen und Männer, die ihm gegenübersaßen, zum Erzählen zu bringen. Nachher hat er ihre Erzählungen aufgezeichnet, zu einem Zyklus geordnet und in Buchform veröffentlicht. Mehr brauchte es nicht, um dem Publikum einen ganzen Ozean zu erschließen. Es ist nicht weiter schwierig, dahinter zu kommen, ob jeweils ein Mann oder eine Frau erzählt, einige Male fallen ja ohnehin die Namen. Es sind Allerweltsnamen wie Janka, Zosia oder Leopold. Und diese Namen stehen für Geschichten, die unter die Haut gehen, ja bis ins Mark dringen. Hat man eine von diesen Geschichten fertig gelesen, dann ist man von ihrer Einzigartigkeit so benommen, daß die vorige, die doch auch überwältigend war, schon verblaßt und in ziemliche Ferne entrückt ist. Und man fragt sich verwundert: Wie ist das möglich? Es sind jüdische Schicksale, die da erzählt werden, die allermeisten von Juden selbst, aber nicht durchweg. Viele von ihnen sind Überlebende der Schoah. Je nach Lebensbericht wird auch die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gestreift, und in den allermeisten wird ausgiebig auf die Nachkriegszeit eingegangen, bis in unsere Tage hinein. Ob auf dem Land oder in der Stadt, die meisten Geschichten fangen im mitteleuropäischen Raum an - Polen, Litauen, Ungarn, Slowakei, Ukraine - oder im weiter östlich gelegenen Rußland und enden irgendwo in den USA oder in Israel. Ein Verbleiben in Europa erwies sich in den meisten Fällen als unmöglich; die eigene Identitätsfindung war überdies oftmals sehr schwierig. Oft bildet den Anfang eine bunte Familiengeschichte, in der es von Onkeln, Tanten und Geschwistern nur so wimmelt, dann kommt aber ziemlich bald der große Knick, und die erzählende Stimme vereinsamt mehr und mehr. Man spürt: Der Autor hat nichts getan, um zu beschönigen oder zu relativieren. Er tut nichts als weiterreichen. Die Wirkung ist desto wuchtiger. Zwiespältige Gefühle sind eine mögliche Folge. Es ist einerseits wichtig, daß solche Stimmen übriggeblieben sind, denen zum Ausdruck verholfen wird. Und es ist auch wichtig, daß es Ohren gibt, sie zu vernehmen, was sonst den zweifachen Tod derer, um die es geht, bedeuten würde. Andererseits tun sich dabei auch Abgründe auf. Man bedenke aber: Ist es schließlich doch nicht besser, von diesen Abgründen zu wissen, als unwissend über sie hinwegzuschreiten? Unwissend wie etwa in jenem Heidelberg der unmittelbaren Nachkriegszeit, das auf eine der Überlebenden auf der Suche nach ihren Angehörigen folgenden Eindruck machte: „Heidelberg war eine andere Welt. Schöne kleine Wohnhäuser, geschnitzt, bemalt, wie aus dem Märchen, die seit über dreihundert Jahren standen. Und die Menschen wohnten darin, als wäre nichts geschehen. Sorgfältig gekleidet und gekämmt. Die Zeit war hier stehengeblieben. Oder war vorbeigegangen. Hier gab es keine Mörder. Und keiner hatte auch nur die geringste Ahnung, was außerhalb von Heidelberg passiert war. Heidelberg, die Quelle, der Hort, der Ursprung des Wissens - und keiner wußte etwas". Freilich: Ein solches Stadtbild wie in Heidelberg war nach dem Krieg in Deutschland mehr die Ausnahme als die Regel. Aber überall wurde - dem Marshallplan sei Dank - emsig wieder aufgebaut. Auch in der DDR stellte sich eine gewisse Normalität ein, insbesondere nach 1961. Man ging zur Tagesordnung über. Und heute ist man längst wiedervereinigt. Ein an sechs Millionen Menschen erinnerndes, hauptstädtisches Denkmal soll dem Wissensdrang der Allgemeinheit entgegenkommen. Wohl besser als nichts. Wem dies aber doch zu anonym ist, wer die trotz allem verkannte und in manchen Aspekten schwer zu fassende Realität, die solche Verwerfungen wie Selbsthaß und Bewußseinsspaltung mit einschließt, ergründen möchte, wer jenseits aller Klischees Wert auf authentische Stimmen legt, der lese die von Henryk Grynberg gesammelten Lebensbilder.