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Drohobycz, Drohobycz: Zwölf Lebensbilder
 
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Drohobycz, Drohobycz: Zwölf Lebensbilder [Gebundene Ausgabe]

Henryk Grynberg , Martin Pollack
5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
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Produktinformation

  • Gebundene Ausgabe: 344 Seiten
  • Verlag: Paul Zsolnay Verlag Ges. m.b.H.; Auflage: 1 (21. August 2000)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3552049797
  • ISBN-13: 978-3552049796
  • Größe und/oder Gewicht: 20,6 x 13,4 x 3,2 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 5.0 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (1 Kundenrezension)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 756.030 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Von der Pein des Überlebens

Henryk Grynberg hat galizische Erinnerungen aufgezeichnet

«Aufrichtig schreiben», notierte Sándor Márai über das Ansinnen, literarisch von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs zu handeln, «kann man über gar nichts»: «Am Ende eines Weltkriegs (. . .) kann ein Schriftsteller, der noch von anderen Dingen spricht als den statistischen Fakten, nicht aufrichtig sein.» Alles andere sei Schminke, Pose, ja sogar «Possenreisserei». Bezeichnend, dass Dantes Dichter an der Schwelle zum Inferno zunächst die Musen, dann das Ideal, schliesslich jedoch das Gedächtnis anfleht, ihm beizustehen: «Gedächtnis, das nicht abschweift, soll's erzählen.»

Zeugenschaft bekunden, Erinnerungen aufzeichnen, Wissen dem drohenden Verlöschen entwinden: vornehmliches und vornehmes Ziel des Schriftstellers, wie es Henryk Grynberg versteht. Mit seinen «Galizischen Erinnerungen» kehrt Grynberg in jenen Landstrich zurück, welcher, nach fast 150-jähriger Zugehörigkeit zur Habsburgermonarchie, ab 1918/20 den Schauplatz abgab für eine nicht enden wollende Kette von Verwüstungen. Kommunistische «Säuberungen», ruthenisch-ukrainische Racheakte, vor allem aber der nationalsozialistische Völkermord: Kaum eine Region Europas sah den Menschen dem Menschen derart als Wolf. Wenn der 1936 in Warschau geborene Grynberg zusammenträgt, was er selbst, was die von ihm befragten Holocaust-Überlebenden am eigenen Leibe erlitten, buchstabieren diese Zeugnisse die Sprache der blanken Brutalität, der letztmöglichen Demütigung, des schieren Skandals.

Für Grynberg und seine Generation bedeutet der Einbruch der Barbarei das jähe Ende der Kindheit. Die vordem vertrauten Räume von Elternhaus und Familie zerspringen in schmerzende Splitter. Delogiert, ins Ghetto gepfercht, deportiert in Arbeits-, später in Konzentrationslager, werden diese Kinder nicht nur der materiellen Behaustheit beraubt: Die strukturelle Schikane, versetzt mit der Hefe individueller Willkür, bricht in jedwede menschliche Bindung ein, reisst das Kind von den Eltern, die Schwester vom Bruder, den Mann von der Frau. Die ungeheuerliche Szene der KZ-«Selektion» spitzt drastisch zu, was der jüdischen Bevölkerung ubiquitär widerfährt: die Degradierung des Menschen zum physischen Material. Dass hier überhaupt erzählt werden kann, weil überlebt worden ist, dankt sich oft nicht mehr als der nackten körperlichen Konstitution.

Brot und physische Unbelangbarkeit – sei es im Versteck, sei es im Niemandsland der Flucht – klingen als Leitmotive durch diese Biographien. Die konkreten Situationen indes konfrontieren mit irreduzibler Pein: «Ich trat näher, ein Mann und eine Frau, beide tot. Und unter dem Jackett der Frau lugte ein Laib Brot hervor, wie eine Brust. Und ich hob dieses blutgetränkte Brot auf. Das habe ich bisher noch niemandem gestanden. Ich schnitt mit dem Taschenmesser den feuchten Teil weg, und den Rest ass ich.» Das Unerträgliche dieser Texte speist sich jedoch nur zum Teil aus der Drastik der einzelnen Szene. Noch bedrückender ist deren Reihung, die an jene Albträume erinnert, aus welchen man nur scheinbar erwacht, um sich in einem weiteren wiederzufinden. Dass sich diese Albträume bis weit nach der «Befreiung» von 1945 in Sowjetrussland und im amerikanischen Exil fortgesetzt haben, ist eine der beunruhigendsten Botschaften dieses Buches: Es ist unbequem, den Antisemitismus auch und gerade in der Nachkriegswelt walten sehen zu müssen.

Zwölf Personen – biblische Ziffer – haben dem Autor Erlebtes berichtet, auf dass er es aufzeichne in seiner Façon. In Ich-Erzählungen gefasst, versehen mit je einer namentlichen Widmung, erstattet Grynberg das ihm Anvertraute in literarischer Bearbeitung zurück. Wo, wie in den vorliegenden Texten, der Autor sich selbst als «allein» verantwortlich für das zu Lesende vorstellt, wird die Frage, ob diese Erinnerungen in literarisch guten Händen aufgehoben sind, ablösbar von dem Respekt, welcher dem Leiden der Opfer zu schulden ist.

Das Stakkato der Grynberg'schen Sätze, das Immer-Neu und Immer-Wieder von Willkür und Grausamkeit springt mit der Leserin, springt mit dem Leser recht rüde um: Der pochende Rhythmus der disjunkten Hauptsätze gestattet keine Beschaulichkeit. Wo jeder Satz wie ein Hieb fällt, wo jedes Bild eine weitere Monstrosität offenbart, gestaltet sich auch die Lektüre als unablässige Verstörung. Kein auktoriales Raisonnement gestattet Nachdenkpausen, kein überflüssiges Adjektiv verzögert das atemlose Berichten vom «und dann, und dann». Stellt sich mithin die ästhetische Frage, ob von derart konkret erzählter Brutalität in stilistisch ausgewogener Weise gehandelt werden soll. Die andere Option, nämlich den Geist unsagbaren Hasses in formal «hässliche Sätze» zu übertragen, finden wir bei Grynberg vor. Dem Sinn-, nein besser: dem Sinnlosigkeitsgefüge der in diesem Buch erzählten Tragödien würde ein solcher Kunstgriff – so es einer wäre – allerdings wenig hinzufügen.

Christiane Zintzen

Perlentaucher.de

Buchnotiz zu : Süddeutsche Zeitung, 20.01.2001
Marta Kijowska zeigt sich von den zwölf biografischen Porträts von Holocaust-Überlebenden des polnisch-jüdischen Autors, der heute in Washington lebt, beeindruckt und berührt. Was diese "Lebensbilder" der alle dem galizischen Judentum entstammenden Protagonisten auszeichnet, ist die "Konkretheit und Sachlichkeit", mit der der Autor in der Ich-Form von ihnen berichtet, meint die Rezensentin, die den lakonischen Tonfall und den völligen "Mangel an Pathos" hervorhebt. Indem die einzelnen Schicksale alle nach dem gleichen "chronologischen Muster" von Vorkriegsgeschichte, Nazizeit und Nachkriegszeit konzipiert seien und durch den Erzähler jeweils ganz neutral vorgetragen würden, bekämen die drei Zeitebenen eine "beklemmende Gleichwertigkeit".

© Perlentaucher Medien GmbH

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3 von 3 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Zwölf Lebensbilder wird man in diesem Buch vorfinden. Zwölf Lebensbilder, die meistenteils in der ersten Person erzählt sind, in keiner Weise fiktiv, so, als seien sie direkt ins Mikrofon gesprochen worden. Der auf die Idee verfiel, ist der Schriftsteller Henryk Grynberg. Überaus sparsam sind seine Eingriffe. Nur hie und da hört man ihn eine Frage stellen oder eine Bemerkung einstreuen, leise und verhalten. Die Rolle, die er sich zuwies, beschränkte sich darauf, die Frauen und Männer, die ihm gegenübersaßen, zum Erzählen zu bringen. Nachher hat er ihre Erzählungen aufgezeichnet, zu einem Zyklus geordnet und in Buchform veröffentlicht. Mehr brauchte es nicht, um dem Publikum einen ganzen Ozean zu erschließen. Es ist nicht weiter schwierig, dahinter zu kommen, ob jeweils ein Mann oder eine Frau erzählt, einige Male fallen ja ohnehin die Namen. Es sind Allerweltsnamen wie Janka, Zosia oder Leopold. Und diese Namen stehen für Geschichten, die unter die Haut gehen, ja bis ins Mark dringen. Hat man eine von diesen Geschichten fertig gelesen, dann ist man von ihrer Einzigartigkeit so benommen, daß die vorige, die doch auch überwältigend war, schon verblaßt und in ziemliche Ferne entrückt ist. Und man fragt sich verwundert: Wie ist das möglich? Es sind jüdische Schicksale, die da erzählt werden, die allermeisten von Juden selbst, aber nicht durchweg. Viele von ihnen sind Überlebende der Schoah. Je nach Lebensbericht wird auch die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg gestreift, und in den allermeisten wird ausgiebig auf die Nachkriegszeit eingegangen, bis in unsere Tage hinein. Ob auf dem Land oder in der Stadt, die meisten Geschichten fangen im mitteleuropäischen Raum an - Polen, Litauen, Ungarn, Slowakei, Ukraine - oder im weiter östlich gelegenen Rußland und enden irgendwo in den USA oder in Israel. Ein Verbleiben in Europa erwies sich in den meisten Fällen als unmöglich; die eigene Identitätsfindung war überdies oftmals sehr schwierig. Oft bildet den Anfang eine bunte Familiengeschichte, in der es von Onkeln, Tanten und Geschwistern nur so wimmelt, dann kommt aber ziemlich bald der große Knick, und die erzählende Stimme vereinsamt mehr und mehr. Man spürt: Der Autor hat nichts getan, um zu beschönigen oder zu relativieren. Er tut nichts als weiterreichen. Die Wirkung ist desto wuchtiger. Zwiespältige Gefühle sind eine mögliche Folge. Es ist einerseits wichtig, daß solche Stimmen übriggeblieben sind, denen zum Ausdruck verholfen wird. Und es ist auch wichtig, daß es Ohren gibt, sie zu vernehmen, was sonst den zweifachen Tod derer, um die es geht, bedeuten würde. Andererseits tun sich dabei auch Abgründe auf. Man bedenke aber: Ist es schließlich doch nicht besser, von diesen Abgründen zu wissen, als unwissend über sie hinwegzuschreiten? Unwissend wie etwa in jenem Heidelberg der unmittelbaren Nachkriegszeit, das auf eine der Überlebenden auf der Suche nach ihren Angehörigen folgenden Eindruck machte: „Heidelberg war eine andere Welt. Schöne kleine Wohnhäuser, geschnitzt, bemalt, wie aus dem Märchen, die seit über dreihundert Jahren standen. Und die Menschen wohnten darin, als wäre nichts geschehen. Sorgfältig gekleidet und gekämmt. Die Zeit war hier stehengeblieben. Oder war vorbeigegangen. Hier gab es keine Mörder. Und keiner hatte auch nur die geringste Ahnung, was außerhalb von Heidelberg passiert war. Heidelberg, die Quelle, der Hort, der Ursprung des Wissens - und keiner wußte etwas". Freilich: Ein solches Stadtbild wie in Heidelberg war nach dem Krieg in Deutschland mehr die Ausnahme als die Regel. Aber überall wurde - dem Marshallplan sei Dank - emsig wieder aufgebaut. Auch in der DDR stellte sich eine gewisse Normalität ein, insbesondere nach 1961. Man ging zur Tagesordnung über. Und heute ist man längst wiedervereinigt. Ein an sechs Millionen Menschen erinnerndes, hauptstädtisches Denkmal soll dem Wissensdrang der Allgemeinheit entgegenkommen. Wohl besser als nichts. Wem dies aber doch zu anonym ist, wer die trotz allem verkannte und in manchen Aspekten schwer zu fassende Realität, die solche Verwerfungen wie Selbsthaß und Bewußseinsspaltung mit einschließt, ergründen möchte, wer jenseits aller Klischees Wert auf authentische Stimmen legt, der lese die von Henryk Grynberg gesammelten Lebensbilder.
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